Commerce

Lost Christmas

Es heißt, es sei keine Zeit so analog wie Weihnachten. Von Hand geschriebene Grußkarten, per Hand verpackte Geschenke, selbst gebastelte Fensterbilder und Laternen, geschmückte Balkone, Blumentöpfe und Bäume. Das alles passiert in der Weihnachtszeit.

Nichts für Puristen: „Festlich“ geschmücktes Haus

Feenzauber und Romantik pur

Was für viele Friday-for-Future-Aktivisten längst zum Alltag gehört, ist jetzt auch für notorische Umweltversager sowie Klima- und Weihnachtsmuffel angesagt: Das Ausschalten des elektrischen Deckenlichts und die ersatzweise Beleuchtung durch handgedrehte Kerzen, die ihren diffusen Schein auf die liebevoll drapierte Weihnachtsdekoration werfen. Und über allem schwebt das enervierende Geräusch der Jingle Bells am Schlitten von Santa Claus. Die Lautsprecherboxen und der Subwoofer des Bose-Soundsystems haben jeden Widerstand aufgegeben: zum 5. Mal läuft „Last Christmas“ an diesem Tag, gefolgt von „Driving Home for Christmas“.

Ja, selbst die überzeugten Digitalisten unter uns suchen nach einer Möglichkeit, aus dem ewigen Wham!-Chris-Rea-Band-Aid-Teufelskreis auszubrechen und verabreden sich zum Plätzchenbacken. Und doch legt sich auf magische Weise über die klassischsten, verstaubtesten und langweiligsten Tätigkeiten an Weihnachten ein surrealer Feenzauber. Es lebe die Besinnlichkeit!

Mal ehrlich: Singen Sie auch zu einer anderen Zeit im Jahr mit der Familie Lieder unter einem Baum, spielen Mikado oder schauen zum hundertsten Mal „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“?

Für Weihnachtsenthusiasten ist ein „Christstern“ ein absolutes MUSS.

Ich gehöre zu denen, die diesem Treiben nichts abgewinnen können. Trotzdem verspreche ich meiner Frau jedes Jahr aufs Neue, mit ihr einen der zahlreichen Weihnachtsmärkte in unserer Region zu besuchen. Sie sagt immer, dass es Spaß macht und außerdem erdet. Und so ergebe mich auch in diesem Jahr wieder dem obligatorischen Glühweingrauen, obwohl mir dabei jede Romantik abgeht.

Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Auf dem Weihnachtsmarkt ist es eng, nass und viel zu teuer. Obwohl die Temperaturen bei milden acht Grad liegen, sind die meisten Menschen an den zahllosen Glühweinständen dick eingemummelt. Einige von ihnen löten sich ebenso systematisch wie konsequent die Birne mit fiesem Fusel aus der Kategorie „Château Schädel“ zu. Irgendwann torkeln sie hilflos zwischen lichtdurchwirkten Tannengirlanden umher und schieben nicht nur andere Besucher beiseite, sondern auch jeden Gedanken an einen veritablen Kater und Kopf-Aua am nächsten Tag. Dabei ist erwiesen, dass der gezuckerte, heiße Wein schneller besoffen macht als der billigste Schabau vom Discounter. Das ist nicht gut! Aber genau darum scheint es vielen zu gehen. Man muss sich das Ganze halt schön saufen.

Trotzdem – sagt nicht nur meine Frau – macht all das zu genau dieser Jahreszeit so richtig Spaß. Zwischen Schubsen, Engstehen und Dauerzittern, fällt es mir schwer, das zu glauben. Für mich ist das genauso schlimm wie die ARD-Show „Das Adventsfest der 100.000 Lichter“ mit Florian Silbereisen.

Viele sagen, dass Weihnachtsmärkte die beste Erfindung sind, um die Wartezeit auf das Christkind oder den Weihnachtsmann zu versüßen und ein wenig Licht, Wärme und Besinnlichkeit in die dunklen Wintertage zu zaubern.

Dabei sind Weihnachtsmärkte in erster Linie ein großes Geschäft. Während der Umsatz beim Verkauf von Glühwein, Bratwurst und Reibekuchen jährlich steigt, sinkt er stetig bei Handgemachtem und Unikaten. Das bestätigt mir auch ein Schausteller, der seit 15 Jahren auf dem historischen Weihnachtsmarkt am Lübecker Rathaus zu finden ist. Er verkauft selbst gefertigte Füllfederhalter, Pfeffermühlen und Haushaltsartikel. Während er seinen Umsatz vor zwölf Jahren innerhalb eines Jahres verdoppeln konnte und er auch danach noch weiter stieg, sinkt er heute rapide.

„Am Anfang hat sich mein Stand schnell zu einem Highlight des Marktes entwickelt“, erzählt er mir. Damals seien die Zuschauer und Besucher von der Handwerkskunst begeistert gewesen. Seine handgefertigten Schreibgeräte waren besonders beliebt. Heute seien die Menschen weit schwieriger zu begeistern und scheinbar weniger gewillt, Geld auszugeben: „Ich muss mir in jedem Jahr ein paar neue Dinge überlegen, damit der Umsatz nicht allzu sehr fällt. Neue Produkte verkaufen sich immer etwas besser.“ Das könne natürlich auch daran liegen, dass man nicht jedes Jahr einen neuen Füllfederhalter braucht, fügt er schnell hinzu.

Als ich ihm sage, dass ich mir vorstellen kann, dass der Rückgang seines Geschäfts mit der Digitalisierung zu tun hat, schaut er mich nur mit großen Augen fragend an. Ich versuche ihm zu erklären, dass im Zeitalter von E-Mails, Messengern und Spracherkennungssystemen Unterschriften „digital“ erfolgen und der konventionelle Brief ausgedient hat. Selbst DAX-Vorstände leisten nur noch gelegentlich Unterschriften mit einem teuren Füllfederhalter auf handgeschöpftem Büttenpapier, erkläre ich ihm weiter. Doch das scheint ihn nicht zu interessieren.

Autsch! Ich spüre den Ellbogen meiner Frau in der Seite, begleitet von einem vorwurfsvollen Blick. „Musst du selbst an solchen Tagen ans Geschäft denken!?“

Es ist Zeit, weiterzugehen.

Nebenan dreht sich ein Karussell mit blaugefrorenen Kindern. Einigen scheint von der vielen Zuckerwatte, den halbverbrannten Bratwürstchen und den fettigen Waffeln schlecht zu sein. Egal – noch ‘ne Runde auf dem Feuerwehrauto! Papa ist noch mindestens zwei Becher Glühwein von dem angestrebten komatösen Rauschzustand entfernt. Da geht noch was! Soll der kleine Torben doch ruhig noch ein bisschen brechen.

Obligatorischer Glühwein mit Zimt und Orangen in weihnachtlicher Umgebung

Weihnachten – Ein gutes Geschäft

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat seine Jahresprognose für 2019 auf +3,2 Prozent angehoben. Der Grund: die anhaltend stabile Verbraucherstimmung. Im bevorstehenden Weihnachtsgeschäft rechnet der HDE mit einem Umsatzplus von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit wird der Handel in November und Dezember mehr als 100 Milliarden Euro einnehmen.

Die Online-Umsätze werden im Weihnachtsgeschäft bei knapp 15 Milliarden Euro liegen, was im Vorjahresvergleich einem Plus von knapp elf Prozent entspricht.

Wie digital ist Weihnachten?

Zugegeben, ich bin schon von Berufs wegen kein Durchschnittsdigitaler und frage mich natürlich gerade jetzt, wie digital eigentlich unser Weihnachtsfest geworden ist.

Noch während ich darüber nachdenke, stoße ich im Internet auf einen Artikel, in dem es um die besten Weihnachts-Apps für Android und iOS geht. Das Smartphone sei ein wahrer Alleskönner, heißt es dort, und man könne sich mit den richtigen Apps nun langsam in Weihnachtsstimmung bringen.

Und – liebe Kinder – aufgepasst: Auf der Suche nach den schönsten Weihnachts-Apps bin ich kopfüber in den Beutel des Apple-App-Stores gesprungen und habe einige besonders schöne Geschenke herausfischen können. Dabei habe ich die Apps in drei Kategorien unterteilt:

  1. Schlittenfahrt: Die besten mobilen Weihnachtsspiele
  2. Weihnachts-Wichtel: Die nützlichsten Weihnachts-Apps
  3. Adventsstern: Apps für das weihnachtliche Drumherum

Heiligabend – Ein Ausblick

Während alle ihre Geschenke bewundern, helfe ich beim Tischabräumen. Ich bringe die Teller und das Besteck in die Küche und bleibe – wie so oft – vor dem neuen besten Küchen-Freund meiner Frau stehen. Er heißt „Thermomix“ und sieht einer normalen Küchenmaschine erstaunlich ähnlich. Normal ist das Ding laut meiner Frau aber nicht: „Der Thermomix kann einfach ALLES!”

Muss ich mir jetzt wirklich Sorgen machen?

Mittlerweile haben sich alle Familienmitglieder in der Küche versammelt und müssen erkennen, dass Mamas Thermomix sogar über einen Touchscreen verfügt. Sie schickt sich über WLAN Rezepte vom zugehörigen Rezeptportal auf ihr Gerät oder nutzt die „Guided-Cooking-Funktion“. Dabei werden alle Einzelschritte des Rezepts angezeigt und der Thermomix wird jeweils automatisch eingestellt.

Dann stellt mein Sohn die Frage, die er besser nicht ausgesprochen hätte: „Ich überlege mir gerade, ob jetzt eigentlich Mama das Essen gekocht hat – oder der Thermomix?“

Leckereien aus dem Thermomix. Wer kann dazu schon Nein sagen?

Fazit

Ich muss zugeben: Unser Weihnachten zuhause ist ganz schön digital (geworden), auch ohne Weihnachts-Apps und Thermomix. Meine Schwiegertochter greift zur Fernbedienung und ich höre sie sagen, dass auf Netflix eine schöne Auswahl an Weihnachtsfilmen bereitsteht.

Na dann: Eine besinnliche Weihnachtszeit!

Tipp

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, klicken Sie bitte auf like und share, um auch anderen Interessierten den Beitrag zugänglich zu machen. Darüber hinaus freue ich mich auch über Ihr Feedback unter Kommentare.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.