DER KÖNIG IST TOT, ES LEBE DER KINI

Die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit Deutschlands befindet sich in Bayern bei Füssen. Das märchenhafte „Schloss Neuschwanstein“, das einer romantisierten Ritterburg nachempfunden ist, ließ der bayrische König Ludwig II. als sein Domizil und seinen Rückzugsort errichten. Die Bauarbeiten dauerten von 1869 bis 1892, Ludwig II. starb jedoch bereits 1886.

Das weltweit bekannte Schloss ist eines der Hauptwerke des europäischen Historismus und avancierte zum Sinnbild der Romantik. Heute strömen jährlich etwa 1,5 Millionen Besucher zum Schloss Neuschwanstein.

Modernste Technik im mittelalterlichen Gewand

Das Mittelalter war in Neuschwanstein nur Illusion: Hinter dem altertümlichen Aussehen verbargen sich modernste Technik und höchster Komfort. Die Räume des Palas, des königlichen Wohnbaus, wurden über eine Heißluft-Zentralheizung erwärmt. In allen Stockwerken stand fließendes Wasser zur Verfügung, in der Küche sogar heiß und kalt. Die Toiletten besaßen automatische Spülungen.

Thronsaal – Schloss Schwanstein

Über eine elektrische Rufanlage rief der König Diener und Adjutanten. Im dritten und vierten Obergeschoss gab es sogar Telefonanschlüsse. Speisen mussten nicht mühsam die Treppen hochgetragen werden – für sie stand ein Aufzug zur Verfügung.

Schon beim Bau des Schlosses hatte man sich moderner technischer Mittel bedient. So wurden die Lastkräne mit Dampfmaschinen betrieben, und den Thronsaal errichtete man als ummantelte Stahlkonstruktion. Eine Besonderheit Neuschwansteins sind auch die großformatigen Fensterscheiben. Die Fertigung solcher Größen war selbst zur Zeit Ludwigs II. noch ungewöhnlich. Natürlich wollte Ludwig II. es auch behaglich haben, auf seiner Gralsburg.

Klingelanlage – Damals modernste Technik

Für die einen war Ludwig II. ein glückloser Herrscher des 19. Jahrhunderts, der an der Aufgabe scheiterte, in Zeiten politischer Modernisierung Monarch sein zu müssen. Für die anderen war er der „einzig wahre König des 19. Jahrhunderts“. So beschrieb ihn der Dichter Paul Verlaine. Je nach Sichtweise gilt er auch noch heute dem Mann im goldenen Käfig – oder als Visionär, der seiner Zeit weit voraus war.

Andere Erfindungen, die ihrer Zeit voraus waren

Über Erfindungen wird meistens groß berichtet. Aber was ist mit Neuigkeiten, die vor Jahren die Schlagzeilen beherrschten und heute kaum interessieren?

Der Rummel um Trends wie Big Data, Cloud Computing oder selbstfahrende Autos ist groß. Eine gute Gelegenheit, einen Blick auf frühere Technologien zu werfen, die die hohen Erwartungen enttäuscht haben. Die Geschichte zeigt allerdings auch, dass manche Technologien zu früh für gescheitert erklärt wurden. Einige waren ihrer Zeit einfach zu weit voraus und wurden vom damaligen Stand der Technik gebremst:

Handschrift-Erkennung

Apple holte sich schon vor mehr als 20 Jahren eine blutige Nase mit dem persönlichen Assistenten „Newton“, der die Handschrift seines Besitzers entziffern sollte. Auch heute sind Computer ziemlich schlecht darin. Allerdings gab es dafür einen Durchbruch bei der Spracherkennung, die auch in Smartphones eingesetzt wird.

Laserdisc

Groß wie eine Schallplatte bot die Laserdisc schon ab 1978 eine bessere Videoqualität als das Kassetten-Format VHS, ging am Markt jedoch unter. Die Hürde war vor allem der höhere Preis der Player und Silberscheiben. Die Idee legte aber den Grundstein für die DVD, die sich fast 20 Jahre später durchsetzte.

Net-PC

Die Idee klang Mitte der 1990er Jahre mit dem Aufstieg des Internet einleuchtend: Ein abgespeckter Computer, der auf Ressourcen aus dem Netz zurückgreift. Heute steht die Idee hinter dem Cloud Computing, doch damals scheiterte Oracle mit seinem Net-PC. Das lag vor allem am hohen Preis und zu langsamen Internet-Verbindungen.

RFID im Alltag

Der Kühlschrank, der selbst die Milch nachkauft oder die Waschmaschine, die selbst das Programm einstellt: Winzige Funkchips des RFID-Formats sollten den Alltag revolutionieren. Doch bisher scheinen auch wenige Cent pro Chip dafür zu viel, in der Industrie-Logistik ist RFID dagegen ein Erfolg.

NFC

Die Nahfunk-Technik sollte viele Bereiche revolutionieren. Zu den Visionen gehörte zum Beispiel eine digitale Geldbörse in jedem Handy. Außerdem kann man Daten von Gerät zu Gerät schicken oder Songs auf eine Musikanlage bringen. Allerdings hat die Mehrheit der Smartphones immer noch keinen NFC-Chip, das bremst die Ausbreitung.

Timing ist alles

Smartphones, Roller, VR-Brillen – wer denkt, dass es sich hierbei um brandneue Erfindungen handelt, der irrt. Tatsächlich gehören viele Geräte, die wir als modern ansehen, eigentlich schon lange zum alten Eisen, erleben aber gerade ihren „zweiten Frühling“. Wie z.B.:

Roller

Derzeit erleben E-Scooter bzw. E-Roller einen Hype. Dabei ist der Roller über 100 Jahre alt. Vermutlich wissen nur die wenigsten, dass der motorisierte Tretroller bereits 1919 auf den Markt kam. In Deutschland war er unter dem Namen „Krupp-Roller“ bekannt. Dieser wurde nicht elektrisch, sondern mit einem Einzylinder-Viertaktmotor betrieben. Allerdings hielten sich die Verkaufszahlen in Grenzen, da die Zeit für Roller noch nicht gekommen war.

Krupp-Motorroller anno 1919

Virtual Reality gibt es seit den 1960ern und selbst das Smartphone hat mehr Jahre auf dem Buckel, als die meisten denken.

Doch warum haben sich diese Technologien nicht schon viel früher durchgesetzt?

Ganz einfach: Sie waren ihrer Zeit voraus! Oftmals fehlte es ihnen noch an Feinschliff, an technischen Möglichkeiten oder sie trafen schlichtweg nicht den damaligen Zeitgeist. Die Liste lässt sich beliebig erweitern, auch um sogenannte „Fails“, also Produkte, die gänzlich scheiterten. Dazu gehören der „Apple Newton“, der „Nintendo Virtual Boy“, das „Amazon Fire Phone“ oder der „3D-Fernseher“.

Luigi Colani

Nicht nur der bayrische König Ludwig II. war seiner Zeit voraus. An dieser Stelle möchte ich an den vor Kurzem verstorbenen Designer und Konstrukteur Luigi Colani erinnern. Er entwarf so ziemlich alles, was man entwerfen kann: Kleinigkeiten wie Aschenbecher und Kugelschreiber, aber auch Möbel, Lkw oder Überschallflugzeuge. Markenzeichen seines Designs: die runde geschwungene Form.

Luigi Colani – Vater futuristischer Entwürfe

Wenn man in Deutschland überhaupt einen Industriedesigner namentlich kennt, dann ist das vermutlich Luigi Colani. Obwohl es von ihm – anders als von seinem französischen Kollegen Philippe Starck – nicht die eine Zitronenpresse gibt. Man verbindet ihn nicht mit einem bestimmten ikonischen Designobjekt, sondern eher mit seinem eigens entworfenen Image. Schwarze Mähne, freche Schnauze – von oben bis unten in Weiß gehüllt. „Mann mit Bart macht Ecken zart“ – so besang ihn Jacques Palminger in einem Song, der den schillernden Kultstatus des umstrittenen Designers betonte. Colani selbst sagte einmal über sich:

„Ich betrachte das, was mir die Natur in Überfülle ins Nest gelegt hat, als eine Hypothek. Und ich zahle sie auf Heller und Pfennig zurück. Bis ans Ende meines Lebens.“

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