Wie alt werden Unternehmen?

Unter Forschern ist umstritten, ob der Mensch irgendwann ein Höchstalter erreicht. Zuletzt befeuerten Daten aus Italien die Debatte. Demnach kann das Leben noch ziemlich lange dauern, wenn man erst einmal seinen 105. Geburtstag gefeiert hat.

Dank besserer Medizin, Hygiene und Ernährung leben Menschen im Durchschnitt immer länger. Den bisherigen Alters­rekord stellte eine Französin auf: Sie wurde 122 Jahre alt. Doch die ­maximale Lebensspanne des Men­schen ist damit – statistisch gesehen – wohl noch nicht erreicht.

Im Vergleich zum Menschen hat ein deutsches Unternehmen eine Lebenserwartung von acht bis zehn Jahren. Das hat der Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie der Universität Rostock herausgefunden. Dabei haben die Forscher auf umfangreiche Daten zu Firmeninsolvenzen des Bundesfinanzministeriums zurückgegriffen.

Egal, ob die Konjunktur brummt oder eine Flaute die Firmen erfasst: Immer wieder treiben Missmanagement oder eine schlechte Wirtschaftslage Unternehmen in den Ruin.

Hatte André Kostolany recht?

Eine der häufigsten Verzerrungen bei Backtests am Aktienmarkt ist der Ausfall von Unternehmen. Wenn sich Anleger heute den DAX, den Dow Jones oder den S&P 500 ansehen, finden sie dort oftmals Charts von Unternehmen, die schon Jahrzehnte alt sind. Das Geheimnis Buy and Hold scheint mit diesen alten Charts Realität zu sein.

Im Internet stößt man oft auf Finanzseiten und Blogs, die anhand von historischen Daten „Beweise“ antreten wollen. Da gibt es die Fraktion, die die Überlegenheit von Value-Ansätzen gegenüber Growth-Strategien nachweisen, oder den umgekehrten Fall. Doch bei einem großen Teil dieser Analysen wurde ein entscheidender Denkfehler begangen: die Autoren konzentrierten sich nur auf die Überlebenden.

André Kostolany – Börsen- und Finanzexperte (*9.02.1906 †14.09.1999)

Dinosaurier

Schaut man auf die Dinosaurier der deutschen Aktienindizes, kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass das durchschnittliche Alter von Unternehmen sehr hoch liegt. Die DAX-Unternehmen gehören gemeinhin zu den „Gewinnern“ im wirtschaftlichen Reigen um die besten Plätze. Auch die großen amerikanischen Indizes geben ein ähnliches Bild ab.

Doch entspricht das auch der Realität?

In vielen Büchern findet man eine völlig andere Zahl zum durchschnittlichen Alter eines Unternehmens. Oftmals ist da von sieben Jahren die Rede. Allerdings gibt es speziell für Deutschland auch konkrete Zahlen, wie die oben erwähnte Studie der Universität Rostock belegt. Demnach werden Unternehmen in Deutschland acht bis zehn Jahre alt, bevor sie in Insolvenz gehen.

Unternehmen in Deutschland werden acht bis zehn Jahre alt.*

*Studie der Universität Rostock – September 2016

Dabei gibt es immer wieder die Thyssen und Siemens, die den Durchschnitt ordentlich nach oben ziehen. Doch viele Unternehmen scheitern schon deutlich schneller und überleben nicht einmal die ersten fünf Jahre.

Natürlich sind Aktiengesellschaften oftmals bereits etwas größer und haben zusätzlich den Kapitalmarkt zur Refinanzierung. Dennoch scheitern auch viele Unternehmen, die bereits börsennotiert waren. Doch genau diese Aktien fehlen oftmals bei den statistischen Auswertungen von Anlagestrategien.

Im Mai 2013 veröffentlichte die WirtschaftsWoche eine Exklusiv-Studie des Münchner Wirtschaftsprofessors und Unternehmensberaters Bernd Venohr über die ältesten (deutschen) Weltmarktführer. Darunter finden sich nur wenige Konzerne wie die Deutsche Post (gegründet 1490) oder Merck (gegründet 1668). Die 20 ältesten Unternehmen sind in Umsatz- und Eigentümerstruktur eher mittelständisch geprägt. Viele dieser Unternehmen schrammten auch schon mal an einer Insolvenz vorbei, haben den Turnaround aber immer wieder geschafft. Im Bundesdurchschnitt erreichen gemäß Creditreform jedoch weniger als zwei Prozent aller Unternehmen ein Alter von 100 Jahren oder mehr.

Erfolgsfaktoren eines erfolgreichen Überlebens

Wie aber haben es die eingangs genannten Unternehmen über Jahrhunderte mit Krisen, Kriegen und drastischen Marktveränderungen an die Weltspitze geschafft – und sich dort gehalten? Der ehemalige Shell-Manager Arie de Geus beschreibt in seinem Buch „The Living Company“ vier Faktoren für erfolgreiche Unternehmensentwicklung und deren Entkopplung vom Wechsel der Eigentümer oder einzelner Führungspersönlichkeiten:

Agilität und Veränderungsfähigkeit

Langlebige Unternehmen sind sensibel für Entwicklungen in ihrem Umfeld und richten ihr Kerngeschäft rechtzeitig immer wieder neu aus.

Innovation und Offenheit

Diese Unternehmen erlauben ihren Mitarbeitern Freiräume und tolerieren auch exotische Experimente abseits des Kerngeschäfts, solange diese die Existenz nicht gefährden.

Robuste Geschäftsmodelle

Diese Unternehmen betreiben eine konservative Finanzierungs- und Ausgabenpolitik mit wenig Abhängigkeit von Banken. Aufgrund ihrer gefüllten Kasse können sie beim Betreten von Neuland oder der Übernahme anderer Unternehmen unabhängiger agieren.

Transparenz und Authentizität ihrer Werte (Integrität)

Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich durch Transparenz ihrer Werte und ausgeprägte Identifikation aller Mitarbeiter – nicht nur der Führung – mit diesen aus.

Das hervorstechendste Merkmal alter Unternehmen sieht auch William O’Hara, emeritierter Professor der Bryant University im US-amerikanischen Rhode Island, in der Verpflichtung auf einen Integritätsstandard: „Dieser Wert unterscheidet sie von der Konkurrenz. Sie sind bekannt für Verlässlichkeit und haben sich einen Ruf erarbeitet, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und die Menschen vor Ort fair zu behandeln.“ In Familienunternehmen kann – Porsche hin, Volkswagen her – das Vertrauen unter den Familienmitgliedern, die Fähigkeit zur Konfliktlösung und die Leidenschaft oder das Pflichtgefühl, die Tradition fortzuführen, ein zusätzlicher positiver Faktor sein.

Typische Startup-Evolutionsstufen

Wie kann man diese Erfolgsfaktoren der Vergangenheit in die Zukunft übersetzen?

Es gibt immer weniger Branchen und Unternehmen, die noch keine digitale Transformation ihrer Geschäftsmodelle erfahren haben, beziehungsweise zukünftig nicht davon profitieren könnten. Die Charakteristika digitaler Transformation lassen sich in drei miteinander eng und wechselseitig verbundene Themenfelder gliedern:

Technologiegetriebene Geschäftsmodelle

Durch Cloud-Lösungen und Mietmodelle lassen sich nicht nur Fixkosten reduzieren, sie sind auch leichter skalierbar und erleichtern beispielsweise die temporäre Zusammenarbeit mit externen Mitarbeitern oder mit unterschiedlichen Endgeräten – zu jeder Zeit und überall. Doch Mietmodelle boomen nicht nur im B2B-Bereich. Auch immer mehr private Kunden folgen dem Ruf der Share Economy und teilen Autos, Heimwerkergeräte oder Gästebetten in Privathaushalten, statt sie zu kaufen. Den Überblick über die Verfügbarkeit sowie den Zugang ermöglichen Apps und smarte Telefone jederzeit an jedem Ort. Die dabei entstehenden Daten können wiederum – auch in anonymisierter Form – zur Mustererkennung in Nutzerprofilen und damit für maßgeschneiderte Werbung und Dienste-Angebote genutzt werden.

Flexibilisierung von Organisationsstrukturen

Wenn sich die Bedeutung der IT von der Support-Funktion zum zentralen Wettbewerbsfaktor wandelt, dann lohnt ein Blick auf die zentralen Prinzipien, mit denen die Hard- und Software-Industrie immer kürzere Innovations- und Vermarktungszyklen realisiert. Ein zentrales Prinzip des Innovationsmanagements und Change-Managements ist das „Unternehmen beziehungsweise die Organisation der zwei Geschwindigkeiten“.

Grundidee dahinter ist, dass Innovationen sich nicht von Beginn an selbst finanzieren und deren Entwicklung und Vermarktung anderen Regeln folgen müssen als die inkrementelle Verbesserung bestehender Lösungen, Dienste oder Produkte. Die meisten IT-Abteilungen in Großunternehmen trennen daher auch Anwendungsentwicklung und Anwendungsbetrieb. Während im Anwendungsbetrieb vor allem Optimierung durch Automation und Lerneffekte im Vordergrund steht, entstehen immer mehr wichtige Innovationen in der Anwendungsentwicklung durch neue Formen der Zusammenarbeit.

Agilität und Integrität in der Zusammenarbeit

Agile Entwicklungsmethoden wie Scrum zielen nicht nur auf die starke Interaktion mit dem Kunden, um dessen Bedürfnisse besser zu verstehen und bedienen zu können. Vielmehr werden Mitarbeiter als motivierte Individuen verstanden, denen ein geeignetes Umfeld und die notwendige Unterstützung bereitgestellt werden soll, die von diesen für die effektive Aufgabenerfüllung benötigt werden. So schrieben die 17 Erstunterzeichner 2001 in das agile Manifest: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir die folgenden Werte zu schätzen gelernt:

  • Menschen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans.“
Erfolgsfaktoren

Fazit

Permanente Weiterentwicklung ist das neue Leitparadigma für Unternehmen. Das gilt auch für diejenigen, die ein hohes Alter auf dem Buckel haben und in der Vergangenheit erfolgreich waren.

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