DEAD MALL

Kennen Sie „Consuming-hip“? Und was halten Sie von einem Verkaufskonzept, das auf Aufenthaltsqualität mit Wohnzimmeratmosphäre, Tageslicht und warme Farben setzt?

„Alles Quatsch“, sagt mein Freund. „Da hat jemand die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Warum soll ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto durch den Verkehr quälen? Ein bequemes Wohnzimmer habe ich zuhause und dort kann ich ganz entspannt vom Sofa aus bestellen. Consuming-hip mache ich schon lange.“

In meinem Beitrag erfahren Sie, in welchem Dilemma der Einzelhandel steckt und warum viele Händler Gefahr laufen, bald in einer „Dead Mall“ zu enden.

In einem Hamburger Einkaufszentrum

„Riechst du das auch?“ fragte er mich und atmete tief ein. Dabei wedelte er mit seinen Armen und fächerte sich die erwärmte Kaufhausluft zu.

„Nein“, antwortete ich erstaunt. „Was meinst du?“

„Ich rieche den Tod“, flüsterte er bedeutungsvoll und zeigte auf ein Ladenlokal, auf dessen Glasfront in roten Lettern der Schriftzug prangte:

R Ä U M U N G S V E R K A U FALLES MUSS RAUS !!!

So geschehen vor einigen Wochen in einem der 28 Einkaufzentren Hamburgs. Mein Freund wollte mir damit sagen, dass es schlecht um die Einkaufszentren und den Einzelhandel in Deutschland bestellt ist.

Eine Dead Mall (deutsch: totes Einkaufszentrum) ist ein Einkaufszentrum mit einer hohen Leerstandsrate oder einer niedrigen Kundenfrequenz, das Verfallserscheinungen zeigt. In den USA werden Einkaufszentren als „tot“ betrachtet, wenn es keinen Ankermieter mehr gibt, der einen hohen Kundenstrom generiert.Ohne die durch den Ankermieter erhöhte Kundenfrequenz nehmen die Einnahmen der dadurch unrentabel werdenden verbliebenen Geschäfte ab, die Mieteinnahmen des Einkaufszentrums sinken, wodurch dieses nicht mehr in der Lage ist, Erhaltungsarbeiten zu finanzieren. Ein leerstehendes Geschäftslokal eines Ankermieters wird als Ghostbox bezeichnet, Reste von Logos oder Reklamen werden Markennarbe genannt.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dead_Mall

City-Center-Fürth

Mein Freund wohnt in Franken und musste vor einigen Jahren miterleben, wie das Einkaufszentrum City-Center Fürth zu einer „Dead Mall“ wurde.

1985 im Herzen der Innenstadt eröffnet, galt es jahrelang als Magnet für die Region. Heute steht die Verkaufsfläche von zirka 26.000 Quadratmetern leer. Nur vorübergehend bot es einigen Sonderpostenmärkten und Nagelstudios Platz, doch die sind mittlerweile auch verschwunden.

Seit einigen Monaten wird hinter den fest verschlossenen Türen des ehemaligen City-Centers kräftig gewerkelt. Der Komplex soll sich in ein lichtdurchflutetes Einkaufszentrum mit Wohlfühlatmosphäre verwandeln. Dafür wurden die Räume inzwischen vollständig entkernt. Anfang 2021 soll hier das Shopping-Center „Flair“ an den Start gehen.

Nach Angaben des Investors P&P soll hier nun Fürths schöne neue Einkaufswelt entstehen. „Consuming-hip“, wie Michael Peter, Chef des Investors, über sein künftiges „Flair“ gern sagt.

Das Konzept setzt auf „Aufenthaltsqualität mit Wohnzimmeratmosphäre“, Tageslicht und warmen Farben, teilweise mit Parkettboden und mit individuell gestalteten Möbeln. Auf den künftig rund 19.000 (statt früher mal 26.000) Quadratmetern Verkaufsfläche sollen 50 Geschäfte Platz finden.

City-Center Fürth

„Alles Quatsch“, sagt mein Freund. „Die haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Warum soll ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Auto durch den Verkehr quälen? Ein bequemes Wohnzimmer habe ich zuhause und dort kann ich ganz entspannt vom Sofa aus bestellen. Consuming-hip mache ich schon lange.“

Er lacht und erzählt mir weiter, dass er in letzter Zeit viel über den Einzelhandel nachgedacht hat. Dabei gingen ihm die Schicksale von Einzelhändlern, wie Gerry Weber, Matratzen direct, Woolworth, Praktiker und Arcandor durch den Kopf. Die Liste ist lang.

„Hier wurden tausende von Arbeitsplätzen vernichtet“, resümiert er. „Und das ist kein neues Phänomen. Ich kann mich an ein Gespräch mit einem Handelsexperten einer großen Beratungsfirma erinnern. Der hat mir bereits vor mehr als 15 Jahren erklärt, dass es tektonische Verschiebungen in der Branche geben wird. Er sagte, dass der E-Commerce nicht alle Einzelhändler ausradieren wird, aber dass es in vielen Städten zu einem Teufelskreis kommen wird. Erst gehen die Händler weg, dann geht es mit dem Standort begab und am Schluss ist er tot. Leider hat er Recht behalten.“

Doch nicht nur der Einzelhandel befindet sich in einer tiefen Krise. Auch andere Branchen sind bedroht und suchen händeringend nach Auswegen.

Deutsche Buchbranche – Hier leuchten die Warnlampen schon seit langem. Es herrscht Krisenstimmung auf dem weltweit zweitgrößten Buchmarkt. Denn immer weniger Bundesbürger greifen noch zum Buch.

Die Digitalisierung, die lange als große Angstmacherin und Krisenverursacherin galt, hat die Branche fest im Griff, doch sie schlägt in diesem Fall anders als gedacht zurück. Da sind Streamingdienste wie Netflix, die haufenweise Serien produzieren – und so manche davon ist besser, literarischer als ein Roman. Aber nicht nur das: Wer fünf Staffeln „Breaking Bad“ oder drei Staffeln „Narcos“ schaut, braucht Zeit, und diese Zeit wird in der digitalen Multitasking-Gesellschaft immer knapper.

Auch die Musikindustrie muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in ihrer Fixiertheit auf das Medium CD den Aufschwung des Internets verschlafen zu haben. Die Möglichkeit neuer Vertriebswege für die eigenen Produkte wurde nicht genutzt. Nach vergeblichen Versuchen, die Tauschbörsen vom Markt zu klagen, versucht man mittlerweile die Fehlsteuerung zu korrigieren, indem eigene kostenpflichtige Angebote im Internet platziert werden.

Rückläufige Auflagen und wegbrechende Werbung haben viele Printmedien, vor allem Regionalzeitungen, schwer getroffen. Dass nun ein Traditionsverlag sein gesamtes Titel-Portfolio zum Verkauf stellt, offenbart eine neue Qualität. Der Verlag DuMont stellt seine renommierten Zeitungen (Kölner Stadtanzeiger, Express, Berliner Zeitung) zum Verkauf. Er folgt damit dem Vorbild des Axel Springer Verlages, dessen Vorstandsvorsitzender 2013 neben einigen Magazinen das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost an die Funke-Mediengruppe verkauft hat.

Doch zurück zum Einzelhandel …

Alexander Graf, Experte im Bereich E-Commerce, hat bereits im vergangenen Jahr einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht >>> Das Rossmann Dilemma

Am Beispiel der Drogeriemarktkette beschreibt er, was Unternehmen heute noch davon abhält, das eigene Geschäftsmodell zu digitalisieren. Er sagt, dass Rossmann zwar heute stationär noch sehr erfolgreich ist, aber wie viele andere erfolgreiche Stationäre auf das Überleben der Innenstädte angewiesen bzw. auf das Überleben der Frequenznachbarn wie Peek & Cloppenburg, den Buchhändlern und vielen mehr. Und genau da sieht es gerade alles andere als gut aus, so dass man sich bei Rossmann fragt, warum Amazon so groß werden konnte.

Rossmann selbst sieht das so:

  • Das eigene Handelsmodell lässt sich nur schwer bzw. gar nicht digital übertragen, weil Margen und Transportaufwände nicht zusammenpassen.
  • Amazon könne man nicht als Vorbild nehmen, weil die (insbesondere in Europa) das Handelsgeschäft durch die IT Erträge subventionieren und ganz nebenbei noch unsauber spielen.
  • Die eigenen E-Commerce Ambitionen werden nur wenig gefördert, so dass der Rossmann E-Commerce Umsatz im Vergleich zum Konzernumsatz irrelevant ist.

Alexander Graf kommt zu folgendem Resümee:

[…] Es ist offensichtlich auch der Familie Rossmann klar, dass das eigene Geschäftsmodell kaum überlebensfähig ist, wenn große Teile des stationären Handels um sie herum darbt und gleichzeitig Amazon und aggressive Anbieter wie die Hut Group zunehmend Teile des Drogeriegeschäftes übernehmen. Unternehmen, die daran gemessen werden, wie effektiv sie wachsen und nicht anhand ihrer Eigenkapitalrendite oder des Verschuldungsgrades. […]

[…] Was Rossmann tut und kann, spielt für die digitalen Geschäftsmodelle der Zukunft keine Rolle. Nur sehr wenige der aufgebauten Assets sind nützlich für digitale Geschäftsmodelle. Es geht darum, so schnell wie möglich direkte digitale Kundenbeziehungen aufzubauen und ggf. das bestehende Geschäftsmodell des stationären Handels als Steigbügelhalter für neue Modelle zu verwenden. Das bestehende Modell wird so effektiv wie möglich „reduziert“ und langwierige/kostspielige Auslandsexpansionspläne werden auf Eis gelegt. […]

Typische Rossmann-Filiale

Fazit

Online-Shopping gehört für die Deutschen mittlerweile zum Alltag. Einer Bitkom-Studie zufolge kaufen fünf Prozent der Online-Shopper bereits täglich ein, 14 Prozent mehrmals pro Woche.

Derzeit zeigt sich, dass das Kaufverhalten aus einer Kombination aus beiden Welten besteht. Je nachdem, welche Ware gekauft wird und in welcher Situation sich der Verbraucher befindet, greift er mal auf die Bequemlichkeiten einer Online-Bestellung zurück, ein anderes Mal auf den Kauf im Laden.

Doch das wird sich ändern. Die Statistik zeigt die Ergebnisse einer Hochrechnung der Kölner Institutes IfH zur Umsatzentwicklung im Online-Handel gegenüber dem stationären Einzelhandel in Deutschland.

Quelle: Statista

Die Gesamtumsätze im stationären Handel in Deutschland lagen im Jahr 2013 bei rund 448 Milliarden Euro. Laut Prognose sollen die Umsätze im stationären Handel bis zum Jahr 2020 auf 405 Milliarden Euro sinken. Der Umsatz im Online-Handel wird auf 77 Milliarden Euro steigen.

„Consuming-hip“ wird also in Zukunft immer mehr auf dem Sofa stattfinden.

WAS MÖCHTEN SIE ALS NÄCHSTES TUN?

Persönlichen Termin vereinbaren >>> KONTAKT

 Telefontermin vereinbaren >>> E-Mail oder +49 171 221 35 18

TIPP

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, klicken Sie bitte auf like und share, um auch anderen Interessierten den Beitrag zugänglich zu machen. Darüber hinaus freue ich mich auch über Ihr Feedback unter Kommentare.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.