GAME OVER

TEIL 2

Tod eines Kaufmanns

Am frühen Abend des 1. November 1991 fährt Zbigniew Nawrot, 41, in seinem roten Ferrari Testarossa durch die Hamburger Innenstadt. Neben ihm eine Blondine, seine neunzehnjährige Freundin Cecilie. Als die beiden nach einem längeren Halt in der Poolstraße wieder einsteigen wollen, explodiert der Sportwagen. Nawrot stirbt einige Tage später im Krankenhaus, seine Freundin überlebt schwer verletzt.

Zerstörter Ferrari am 1.11.1991 in der Poolstraße, Hamburg

Noch einige Stunden zuvor war ich mit Nawrot verabredet gewesen, nicht ahnend, dass es das letzte Gespräch sein sollte, das ich in seinem kleinen Laden mit ihm führte. Er betrieb im Hamburger Portugiesenviertel – in der Nähe der Landungsbrücken – ein Geschäft, in dem er vor allem seinen Landsleuten Elektronikgeräte und Feuerzeuge verkaufte. Wie viele andere Polen und Russen hatte er das Geschäft in der Ditmar-Koel-Straße von einem Deutschen übernommen, das seit der Übernahme florierte. Der schwunghafte Handel umfasste dabei auch Zigaretten, Wodka, Autos und Computer von Amstrad und Commodore.

Ditmar-Koel-Straße im Hamburger Portugiesenviertel

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde es für Osteuropäer leichter nach Deutschland zu reisen und sich mit neuester westlicher Computertechnologie einzudecken. Begehrt waren Produkte, die bis dahin in Polen und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks – aufgrund der bestehenden CoCom-Restriktionen – nicht erhältlich waren. Besonders beliebt waren der C64 und der Amiga, von denen Nawrot große Stückzahlen verkaufte. Doch das war nur ein Nebenerwerb, sein Hauptaugenmerk lag auf anderen Produkten.

Jahre später sollte sich herausstellen, dass Nawrot das Opfer eines gnadenlosen Kampfes rivalisierender polnischer Kiez-Banden geworden war. Er war groß ins Schnaps-Geschäft eingestiegen und dabei anderen in die Quere gekommen. Also wurde er kurzerhand von einem Auftragsmörder mit einer Autobombe aus dem Weg geräumt.

Als ich von dem Anschlag erfuhr, war ich tief erschüttert, weil ich Nawrot stets als integren und zuverlässigen Geschäftspartner kennengelernt hatte. Das Ganze wirkte damals wie ein böses Omen, das den drohenden Untergang meines damaligen Arbeitgebers ankündigte, wenngleich dessen Ende nicht so plötzlich kam wie das des Kaufmanns.

Düstere Wolken ziehen auf

In unserer Region (Nord/West/Ost) waren die drei größten Amiga-Versandhändler ansässig. Im Amiga-Magazin und anderen Fachzeitschriften tobte ein brutaler Preiskrieg zwischen den Händlern und die Margen sanken ständig. In Zeiten, in denen das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, lief der größte Teil des Verkaufs über „Mail-Order“-Bestellungen. Das Volumen dieser drei Versandhändler zusammen erreichte bald schwindelerregende Höhen – zum Teil wurde die Ware bei uns LKW-weise bestellt – doch die erzielten Erträge reichten bald nicht mehr aus, um die exorbitanten Werbeausgaben und Overheadkosten zu decken. So kam es dazu, dass BBM (Beckmann, Blum u. Miehe Datensysteme GbR) in Braunschweig 1993 Konkurs anmeldete. Die anderen beiden Unternehmen hielten etwas länger durch und zogen sich letztlich unbeschadet aus dem Amiga-Geschäft zurück.

Der jahrelange Preiskampf im Heimcomputermarkt (Mitte der 1980er- bis Anfang der 1990er-Jahre) ging auch an Commodore nicht spurlos vorüber – die Finanzreserven waren fast erschöpft und der Aufsichtsrat wollte aus dem hart umkämpften Marktsegment aussteigen.

Kult-Werbung – Power Play 1992

Im Zuge einer angestrebten Konsolidierung als Anbieter von Personal Computern für Anwendungen in Industrie, Handel und Ausbildung sah man auch bei Commodore, dass sich der von IBM definierte Standard für PCs durchsetzen würde. Man entwickelte daher aus eigener Kraft eine Familie kompatibler Rechner: zunächst den Commodore PC 10, gefolgt von weiteren Modellen dieser Reihe.

In der Anfangszeit Mitte der 1980er-Jahre konnten die Commodore-PCs gut im Wettbewerb mithalten – man wechselte sich monatelang mit IBM in der Führungsposition der PC-Verkaufszahlen in Deutschland ab. Das war vor allem der hohen Qualität der Eigenentwicklung zu verdanken. Commodore-PCs hatten den Ruf, bei Folgemodellen „kompatibler als IBM“ selbst zu sein, außerdem galten sie als besonders robust.

In den Folgejahren stieg der Aufwand dieser Entwicklungen jedoch so an, dass zunächst Entwicklungen extern in Auftrag gegeben wurden und schließlich (frühe 1990er-Jahre) ganze Rechner aus Südostasien zugekauft wurden. Damit sanken auch die Erträge.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich in den montäglichen Vertriebsmeetings für einen falschen Produktmix rechtfertigen musste. Der Umsatzanteil für Amiga und C64 lag in der Region Nord zwischen 60 und 70 Prozent. Zuviel, wie die damalige Geschäfts- und Vertriebsleitung argumentierten. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung, wie sich später zeigen sollte.

Commodore-Messestand in Halle 1 / Hannover-Messe 1992

Der unterschätzte Wettbewerb

1989 landete Nintendo seinen bis dahin größten Erfolg mit dem Game Boy, zusammen mit dem Spiel Tetris. Kurze Zeit später folgte Sega mit seiner 16-Bit-Konsole Mega Drive. Beide Anbieter waren bis dahin keine ernstzunehmenden Konkurrenten für Commodore, doch mit einem Mal wurden die Karten neu verteilt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Commodore bereits mit sinkenden Absatzzahlen zu kämpfen und dieser Trend ließ sich auch nicht durch die Vorstellung der Neuentwicklung CDTV (Commodore Dynamic Total Vision) im März 1991 aufhalten.

Das Produkt, eigentlich als Konkurrenz zum CD-i von Philipps gedacht, vereinte die Technik eines Heimcomputers auf Basis des Amiga 500 mit dem Konzept einer Set-Top-Box.

Das Problem: mangelnde Software und eine für dieses Konzept zu geringe Rechenleistung, die zur Folge hatte, dass die Wiedergabe von Videos kaum möglich war. Fakt ist, dass die Commodore-Produkte in diesen Marktsegmenten nicht mehr wettbewerbsfähig waren.

Commodore CDTV

Gründe für den Untergang

Sinkende Erträge, eine falsche Positionierung, fehlende Investitionen in Software-Produkte (vor allem im Amiga-Segment), eine komplette Fehleinschätzung des Marktes, eine verfehlte Preispolitik und Unterschätzung der Wettbewerber sowie eine große Portion Überheblichkeit des Managements führten letztlich zum Niedergang des Unternehmens.

Vermutlich hätte bereits einer dieser Punkte ausgereicht, um den Untergang einzuleiten, doch in der oben beschriebenen Kombination war die Lage absolut aussichtslos.

Das, was bleibt, ist ein wehmütiger Rückblick auf eine Zeit, in der auf viel Freude Mitarbeiterentlassungen, enttäuschte Kunden und Leid folgte.   

Fazit

Diesen Beitrag habe ich in der Hoffnung geschrieben, dass der eine oder andere meinen Rat beherzigt und nicht darauf vertraut, dass sich Produkte von alleine verkaufen (lassen) oder man müsse nicht viel dafür tun. Das hat noch nie funktioniert. Doch gerade in der heutigen Zeit des Omnichannel-Vertriebs ist es überlebensnotwendig, seine Wettbewerber zu kennen und ein Gespür für die Wünsche seiner Kunden zu entwickeln. Das sind Fähigkeiten, die man erlernen, aber nicht automatisieren kann und auf die Omnichannel auch keine adäquate Antwort liefert.

Das veränderte Einkaufs- und Konsumverhalten einer mobilen und vernetzten Gesellschaft erfordert unternehmerischen Instinkt und Gespür für den Markt sowie seine Wettbewerber, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden wie einst Commodore.

C64 BASIC

ENDE TEIL 2

In Teil 1 meines persönlichen Berichts Brotkasten für die Welt beschreibe ich den Aufstieg des Commodore C64, sein Ende und seine Wiederauferstehung. Von vielen Commodore-Fans liebevoll „Brotkasten“ genannt, war er nicht nur ein treuer Spielgefährte, sondern oft sogar die erste Liebe.

TEIL 1

Nicht nur für C64-Enthusiasten interessant:

 

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