DIGITALES ERBE

Der erste Sarg-Discount

Vor einigen Jahren warb der erste Sarg-Discount in Deutschland mit dem markigen Spruch „Bei uns liegen Sie richtig!“ und brachte damit die Zunft der Bestatter gegen sich auf. Es war das erste Mal, dass ein Unternehmen Särge zu Dumpingpreisen feil bot.

Bis in die 1990er-Jahre erlebte die Bestattungsbranche „goldene Zeiten“, da die Sargpflicht und rigide Bestattungsgesetze dafür sorgten, dass die Bestatter über ein Quasi-Monopol verfügten. Erst durch die Liberalisierung der Bestattungsgesetze, den kulturellen Wandel beim Bestattungsgeschmack und durch Konkurrenz aus dem Ausland wurde das Bestattungsidyll der deutschen Bestattungsunternehmen empfindlich gestört.

Seither kämpfen Sie mit Billiganbietern, versuchen mit neuartigen Bestattungsmoden Schritt zu halten, dem „Bestattungstourismus“, der Hinterbliebene mit Verstorbenen ob der billigeren Endlagerstätte in angrenzende Länder fliehen sieht, zu begegnen und, last but not least, mit den vielfältigen Formen, die Bestattungen heutzutage angenommen haben, Schritt zu halten.

Sarg-Discount in Gummersbach

„Wer in der Bestattungsbranche überleben will“, so hat Dominic Akyel, der sich am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung mit dem Sterben befasst, schon 2011 gemahnt, „der reagiert mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen“.

Der Wandel der Bestattungskultur in Deutschland

Dass Krankenkassen nicht mehr das Sterbegeld zahlen und die Sargpflicht nach und nach abgeschafft wurde, gehören zu den wichtigsten Faktoren dieser Veränderungen. Das Resultat sind Design in der Sarg- und Urnengestaltung, Kaffeefahrten ins Krematorium und ein immer härter werdender Konkurrenzkampf durch Billigbestatter. Der Markt bestimmt die Landschaft der heutigen Bestattungskultur. Die einzelnen Unternehmen müssen sich neu ausrichten und sich am Markt von anderen absetzen. Dies geschieht entweder durch den Preis oder durch ein individuell abgestimmtes Angebot. Meistens ist es eine Kombination von beidem.

Digitales Erbe

Oft werden die Hinterbliebenen neben ihrer Trauer mit einem Problem konfrontiert, mit dem sich vor dem Tod nur wenige beschäftigt haben. Im Rahmen der Digitalisierung steigt die Anzahl der Onlinekonten und -verträge jedes Einzelnen stark an und jeder, der das Internet nutzt, hinterlässt nach seinem Tod ein persönliches digitales Erbe bzw. seinen persönlichen digitalen Nachlass. Dieser ergibt sich aus der digitalen Identität, die alle gespeicherten Daten zur Person beinhaltet und dementsprechend sehr individuell ist. Dabei sind gerade extern hinterlassene Daten, z. B. bei Internetunternehmen und -portalen, für Angehörige von Bedeutung. Hierzu zählen:

  • persönliche Daten
  • Nutzerkonten und -profile
  • Mitgliedschaften, Verträge und Abonnements sowie
  • Guthaben.
Digitale Hinterlassenschaften

Diese digitalen Hinterlassenschaften eines Verstorbenen sind für Angehörige nur selten zugänglich und damit im Sterbefall nicht kontrollierbar. Denn die meisten Nutzer informieren weder engste Vertraute über ihre gesamten Aktivitäten im Internet, noch hinterlegen sie alle Passwörter oder Vertragsdaten. Auch Vermögenswerte und Guthaben des Verstorbenen bleiben so unbekannt und können nicht ausbezahlt werden. Im Zweifelsfall bleiben Email-Konten, oder Konten bei Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. ungekündigt und somit bestehen.

Für Bestatter, Berater und Begleiter stellt sich daher die Frage: Wie können Angehörige und Erben geschützt werden?

Moderne Technik

Mittlerweile werden Online-Schutzpakete angeboten, die der posthumen Regelung eines digitalen Nachlasses dienen. Als erstes Unternehmen brachte Columbia 2013 eine automatisierte IT-Lösung auf den Markt. Eine Weiterentwicklung der Software – das universelle Ab- und Ummelde-System QuickForm – ist seit 2016 für Bestatter*innen und ihre Kunden im Einsatz. Damit lassen sich online nicht nur der digitale Nachlass, sondern auch alle klassischen Formalitäten – Abmeldungen, Ummeldungen, Auszahlungen – einfach, sicher und bequem erledigen.

Mittlerweile gibt es kaum noch Bestatter, die keine Schutzpakete und/oder die digitale Nachlassverwaltung anbieten. Einen anderen Weg geht die ITholics GmbH in Kempten, die auf ihrer Seite Last Hello empfiehlt, sich beizeiten um das eigene digitale Erbe zu kümmern.


https://www.youtube.com/watch?v=dK1cp9RPOCo

Tabuthema?

Nur wenige Menschen beschäftigen sich mit ihrem digitalen Erbe. Geschuldet ist dies unserer unvoreingenommenen Lebensweise und dem Tabuthema „Tod“. Doch er ist allgegenwärtig. Krankheiten, Verkehrsunfälle, Umweltkatastrophen, Terroranschläge und viele weitere Ereignisse füllen die Statistiken unerwarteter Todesursachen. Das Thema wird bewusst ausgeblendet, denn sind wir mal ehrlich: Wer beschäftigt sich zu Lebzeiten schon gerne mit dem Tod?

Leider sind es unsere Hinterbliebenen, die dabei das Nachsehen haben. Neben der Trauerbewältigung müssen sie sich final auch noch um die digitalen Hinterlassenschaften kümmern. Nicht alle Verträge (vor allem Onlineverträge) enden automatisch mit dem Tod des Nutzers. Sie müssen weiterhin von Angehörigen bezahlt werden. Oftmals erfahren Hinterbliebene nur über Umwege von Online-Verträgen, sind zu Lebzeiten nicht im Bilde über die Nutzeraktivitäten des Verstorbenen. So löschen verschiedene Anbieter von E-Maildiensten, Social Media und vielen weiteren Plattformen beispielsweise die Accounts erst nach dem Zusenden des Ausweises sowie der Sterbeurkunde.

Und dennoch …

… gehen einige Bestatter einen anderen Weg und setzen sich ganz offen mit dem Thema Tod auseinander und stellen sich den Herausforderungen. Dazu gehört auch Peter Wilhelm, der mittlerweile mehrere Bücher veröffentlichte. Zu seinen Werken gehören solche Titel wie:

Peter Wilhelm betreibt auch einen eigenen Blog.

Darf ich meine Oma selbst verbrennen?

Überhaupt scheint das Thema „Tod“ den Tabustatus langsam zu verlieren. Allein Amazon führt mehr als 40.000 Buchtitel, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Fazit

Die Digitalisierung macht auch vor dem Tod nicht halt. Ganz im Gegenteil: wie die zuvor aufgezeigten Beispiele zeigen, ist durch sie ein komplett neuer Geschäftszweig entstanden und die Bestattungsunternehmen wurden durch die zunehmende Digitalisierung dazu gezwungen, ihre Geschäftsmodelle um einen wesentlichen Bereich zu erweitern.

Einen Organspendeausweis habe ich schon lange und bereits vor Jahren habe ich meine Patientenverfügung bei einem Notar und in meinen persönlichen Unterlagen hinterlegt. Ich werde diese jetzt um meinen digitalen Nachlass – nebst Passwörtern und Vertragsdaten – erweitern. Denn – man kann ja nie wissen …  

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