PRO DIGITALPAKT

Only bad news are good news!

Während sich die Mars-Sonde „Insight“ im Selfie-Fieber befindet und immer neue Bilder zur Erde sendet, bereitet sich die Welt auf die Rückkehr von „Astro-Alex“ vor. Am 20. Dezember sollen Alexander Gerst und zwei weitere Raumfahrer mit einer Sojus-Kapsel von der ISS zur Erde zurückkehren.

Soweit die positiven Nachrichten. Folgt man den Headlines der Mainstream-Medien, vergehen einem sehr schnell die gute Laune und die vorweihnachtliche Stimmung. So ist zu lesen von einem massiven Einbruch bei Wertpapierkrediten und einem Dax-Ausblick, der kaum Chancen auf Weihnachtsgeschenke bietet. „Massive Auswirkungen. Deutsche Wirtschaft warnt vor hartem Brexit.“ titelt n-tv, gefolgt von „Kurssturz gefährdet Sicherheit. Bitcoin-Crash nimmt historisches Ausmaß an.“

Da fällt es kaum ins Gewicht, dass Facebook von einer neuen Datenpanne getroffen wurde, die Bösewichten Zugriff auf nicht geteilte Fotos erlaubt. Man hat sich ja mittlerweile an die Skandale von Google, Twitter, Facebook und Co. gewöhnt.


Bad News lassen sich sehr gut vermarkten.

So bitter es auch ist: Krisen, Katastrophen und Skandale wecken bei uns Medienkonsumenten deutlich höheres Interesse. Und weil der Kunde immer König ist, wird das Interesse von der Presse bedient. Wer in der Tagesschau oder in den „heute“-Meldungen genannt werden will, muss schlechte Nachrichten liefern, am besten solche von nationaler Bedeutung. Oder man muss ein Promi von der Güte einer Jennifer Aniston oder eines Boris Becker sein und sich wieder mal trennen.

Medienexperten wissen: Aufmerksamkeit ist ein äußerst knappes Gut – erst recht mediale Aufmerksamkeit. Nur ein Prozent aller Nachrichten schafft es, in Zeitungen, im Web, Radio oder Fernsehen veröffentlicht zu werden. Die übrigen 99 Prozent werden von den „Schleusenwärtern“ in den Redaktionsstuben aussortiert und landen im Schredder.

Digitalpakt

Sie werden in den Medien verfolgt haben, dass die Bundesländer die Grundgesetzänderung für den Digitalpakt ablehnen. Gut so, sagen die einen, Investitionen in die Bildung dürfen nicht zu Lasten des Föderalismus gehen. Andere halten die Sorge für unbegründet.

Digitalpakt. Die einen sagen so, die anderen so.

Ist das nun eine positive oder eine negative Meldung?

Bevor man sich ein Urteil bildet, sollte man zunächst erst einmal begreifen, worum es überhaupt geht. Kürzlich hielt der Vorsitzende der FDP, Christian Lindner, einen Vortrag auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung.

Er sprach davon, dass Medienkompetenz selbstverständlich im Kindergarten vermittelt werden müsse, aber nur deshalb, weil die wichtigste Kompetenz darin bestehe, Medien nicht zu nutzen. Schließlich solle das Smartphone unser Leben erleichtern, nicht beherrschen.

Lindner sagte zweitens, nicht WLAN oder Whiteboards seien Garanten für guten Unterricht, sondern gut ausgebildete Lehrer. Und drittens fügte er hinzu, natürlich sollten Schüler „Coding“, also Programmieren, lernen, aber nicht, um danach allesamt IT-Ingenieure zu werden, sondern damit IT für sie keine Blackbox bleibe.

Mich erinnern diese Aussagen an den 19. November 2017, als der FDP-Chef kurz vor Mitternacht in Berlin vor die Kameras trat und die Sondierungsgespräche zur Bildung einer möglichen Jamaika-Koalition für gescheitert erklärte.

„Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“, sagte er damals. Übertragen auf seinen Standpunkt zum Digitalpakt heißt das: „Es ist besser, nicht zu digitalisieren, als falsch zu digitalisieren.“

Im September 2018 schlug Lindner während der Generaldebatte im Bundestag einen 5-Punkte-Plan vor. Drei der fünf Punkte bezogen sich direkt oder indirekt auf die Digitalisierung: Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken, Bildung und Forschung forcieren und bei der Digitalisierung wirklich Tempo machen.

Jetzt hätte er die Möglichkeit, diese drei Punkte umzusetzen und Tempo zu machen, doch in gewohnter Manier wird wieder lamentiert, ausgebremst und blockiert. Immerhin ist die FDP an drei Landesregierungen beteiligt, u. a. auch in NRW, dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Die Möglichkeit zur Veränderung besteht durchaus. Man muss nur wollen!

Milliarden für Schulen?

Mittlerweile hat der Bundestag die Grundgesetzänderung beschlossen und damit eine wichtige Hürde für den sogenannten Digitalpakt aus dem Weg geräumt. Deutschlands Schulen sollen vom Jahr 2019 an schrittweise mit Digitaltechnik wie Tablets und WLAN ausgestattet werden und digitale Lerninhalte nutzen können. Lehrkräfte sollen entsprechend weitergebildet werden. Mit der Grundgesetzänderung soll der Bund künftig außerdem Milliardensummen in Wohnungsbau und Nahverkehr stecken dürfen.

ABER: Ebenso wie im Bundestag braucht das Anliegen nun noch eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat. Die letzte Sitzung in diesem Jahr am 14. Dezember lief genauso, wie es fast alle erwartet hatten: Die Ministerpräsidenten der Länder fanden keine Einigung und rüsten sich jetzt für den Verfassungskonflikt mit dem Bund im Vermittlungsausschuss.

5,5 Milliarden für Schulen

Missfallen

Es ist zweierlei, was den Ländern missfällt und weswegen sie die Verzögerung des Digitalpakts für die Schulen riskieren, der ihnen in den kommenden Jahren 5,5 Milliarden Euro aus dem Bundesetat bescheren würde. Zum einen will der Bundestag, dass ab 2020 Finanzhilfen des Bundes mindestens zur Hälfte von den Ländern kofinanziert werden. Das soll im neuen Artikel 104b des Grundgesetzes stehen.

Zum anderen fordern einige Länder, dass der Bund nun Finanzhilfen ausdrücklich „zur Sicherstellung der Qualität und Leistungsfähigkeit des Bildungswesens auflegen soll. Und es sollen nicht nur Investitionen in Infrastruktur möglich sein, sondern auch für „mit diesen verbundene besondere unmittelbare Kosten der Länder und Gemeinden“.

Ausgang offen

Damit ist der Digitalpakt, mit dem der Bund die Ausstattung der Schulen unterstützen will, vorerst blockiert.

Das Vermittlungsverfahren beginnt im kommenden Jahr. Ein Termin für die erste Sitzung des gemeinsamen Gremiums von Bundestag und Bundesrat steht aber noch nicht fest.

Trotz der oben erwähnten Kritikpunkte halte ich die Blockade der Länder für falsch. Denn nichts zu tun, ist der falsche Weg. Es geht vielmehr darum, endlich anzufangen und verlorene Zeit schnell aufzuholen. Ich habe die Befürchtung, dass es in vielen Schulen bald so aussehen wird, wie auf dem Bild.

Düstere Aussichten, wenn nicht schnell investiert wird.

Was wir von anderen lernen können.

Der von der EU-Kommission erstellte Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) zeigt deutlich, dass Deutschland auch innerhalb der EU abgehängt ist.

Ganz an der Spitze stehen Dänemark, Schweden, Finnland und die Niederlande, ganz am Ende Italien, Bulgarien, Griechenland und Rumänien. Es geht um den von der EU-Kommission veröffentlichten Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI), der einmal jährlich erfasst, wie weit die EU-Mitgliedsländer bei der Digitalisierung vorangeschritten sind. Deutschland schneidet dabei nur mittelmäßig ab, hinter Österreich und Spanien.

Digital oder doch lieber analog?

Beispiel Skandinavien

Skandinavien ist eben nicht nur für seine Holzhäuser, Küsten und Seen bekannt, sondern auch für seine weit vorangeschrittene Digitalisierung. Vieles, was in Deutschland noch Zukunftsmusik ist, ist dort bereits selbstverständlich. In Schweden laufen beispielsweise inzwischen viele Geschäftsprozesse und bürokratischen Aktionen längst über eine persönliche Identifikationsnummer, unter der die benötigten Daten stets abrufbereit sind. Im Land der Zimtschnecken wird außerdem kaum noch mit Bargeld gezahlt – man plant sogar, eine digitale Währung einzuführen.

Digitaler Unterricht in Finnland

Selbst Grundschüler lernen in Finnland schon mit Tablet oder Laptop. Auch Handys sind im Klassenraum erlaubt, Bücher muss kein Schüler mehr schleppen. An den meisten deutschen Schulen wäre solch ein digitaler Unterricht gar nicht umsetzbar.

Wer sich die Veränderung schulischer Infrastruktur anschaut, erkennt, dass es sich nicht um eine partielle und fachbezogene Modifikation handelt (ähnlich den Sprachlaboren der achtziger Jahre), sondern vielmehr um eine grundlegende Schulentwicklung.

Diese Entwicklung fehlt in Deutschland und die Blockade des Digitalpakts durch die Länder ist definitiv das falsche Signal.

Blick in einen Klassenraum in Finnland

Fazit

Die konzeptionelle Arbeit und damit die (kritische) Mitgestaltung sollten die Schulen und Lehrkräfte aber keineswegs den wechselnden Parteien überlassen, sondern sich frühzeitig einarbeiten, Erfahrungen sammeln und Position beziehen. Doch wie schwierig es ist, durch Eigeninitiative etwas zu bewirken, zeigt das Beispiel eines Grundschullehrers, der in seiner Klasse Tablets und einen Beamer einsetzte. Eltern und Schüler waren begeistert, doch die Schulleitung hat das Engagement mit einer kuriosen Begründung untersagt.

Den Artikel finden Sie hier >>> Wie sich meine Schule gegen den digitalen Wandel sperrt

Mein Appell

Wir sollten den digitalen Wandel nicht staatlichen Bedenkenträgern und von Bürokratie getriebenen Betonköpfen überlassen, sondern das Engagement und die Initiativen couragierter Schulleiter und Lehrer unterstützen, damit wir unseren Kindern eine gute Basis bieten, um in einer globalisierten Welt bestehen zu können. Das sind wir ihnen schuldig!

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