REQUIEM FÜR EINE BRANCHE

Nostalgie

Anfang der 1980er-Jahre begleitete ich meinen Sohn zu einer Sportveranstaltung, die der örtliche Leichtathletikverein ausgerichtet hatte. Als stolzer Vater meines sportbgeisterten vierjährigen Sprosses verfolgte ich den Dreikampf (Laufen, Springen, Werfen) und hatte die VHS-Videokamera eines Freundes ausgeliehen, um die sportlichen Höchstleistungen in Bild und Ton für die Nachwelt festzuhalten.

Viele von Ihnen werden mit dem Begriff „VHS“ nichts mehr anfangen können, deshalb sehen Sie unten das Foto einer VHS-Videokamera.

VHS steht für „Video Home System“ und ist ein von JVC entwickeltes analoges und zuerst 1976 in Japan auf den Markt gebrachtes Aufzeichnungs- und Wiedergabesystem für Videorekorder.

Panasonic VHS-Videokamera

Das, was sie dort sehen, ist allerdings nur ein Teil der Ausrüstung, die damals erforderlich war, um Videos aufnehmen zu können. Bevor es Camcorder gab, musste die Videokamera über ein Kabel mit einem stationären Videorekorder verbunden werden, um die Aufnahmen abzuspielen. Für die Aufnahme selbst war ein getrennter, tragbarer Rekorder mitzunehmen. Dieser war sehr schwer und wurde daher zusammen mit den erforderlichen Batterien auf dem Rücken getragen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer die gesamte Ausrüstung genau war, aber am Ende des Tages war ich froh wieder zuhause zu sein, um mich erschöpft aufs Sofa fallen zu lassen.

Immer, wenn ich daran zurückdenke, fällt mir ein Live-Auftritt Otto Waalkes ein, der Anfang der 1970er-Jahre in der Essener Grugahalle stattfand und das Problem mit den schweren Batterien thematisierte. Bei Interesse klicken sie einfach auf den Link unterhalb des Bildes. Die entsprechende Sequenz: 1:20 bis 1:44.


Kurzvideo – Otto Waalkes „Werbespots“ – 1:20 – 1:44

Unterschiedliche Video-Systeme

In der 1970er-Jahren gab es drei Systeme: VHS, Video 2000 und Betamax. Die beiden letztgenannten konnten sich im Formatkrieg gegenüber VHS nicht durchsetzen und verschwanden vom Markt.

Der Bessere gewinnt nicht immer

Obwohl viele Video 2000 für das bessere System hielten, konnte es sich im Markt nicht durchsetzen. 1979 stellten Philips und Grundig auf der IFA neue Geräte und Kassetten vor. Mit besserer Bildqualität und einer für damalige Verhältnisse sensationellen Aufnahmezeit von bis zu acht Stunden wollte man den Markt der Heimkassetten für sich erobern. Möglich wurde die lange Aufzeichnungszeit durch das beidseitige Abspeichern auf dem Band. Doch das System kam zu spät – die ersten Videokassetten-Systeme waren zum damaligen Zeitpunkt bereits seit Jahren erfolgreich auf dem Markt. Die Konsequenz: Video 2000 hielt sich bis 1986 und wurde dann eingestellt. Betamax ereilte ein ähnliches Schicksal.

Als Videotheken noch ein Novum waren

Meine ersten Erinnerungen an die kleinen Lädchen mit der bunten Leuchtreklame und den Filmplakaten im Schaufenster gehen bis in die Achtziger zurück. Und es waren wirklich kleine Läden, kaum größer als ein Bäcker oder ein Friseur. Wer noch nicht volljährig war, durfte offiziell nicht hinein und musste meist draußen auf die Erwachsenen warten.

Die Einrichtungen und die Kulissen der Videotheken glichen sich: meist ein alter, muffiger Teppich, Regale mit unzähligen Kassetten, Poster, Reklametafeln und Aufsteller. Es roch nach abgestandenem Tabak. Überhaupt roch es dort immer sehr eigenwillig – ein typischer Videotheken-Geruch, der sich wohl analog zum U-Bahn-Station-Geruch durch viele Instanzen zog.

Blütezeit in der 90ern

In den 90er-Jahren schossen dann immer mehr Videotheken wie Pilze aus dem Boden. Das war die Zeit – Kids aufgepasst! – in der es keine DVD´s, keine Blu Ray´s, kein HD, keine Plasma- und LCD-Fernseher, kein Internet, kein High-Speed-DSL, keine Handies und kein GPS gab.

Videotheken hatten Hochkonjunktur, und nicht nur optisch hatten sie sich verändert. Die Läden wurden inzwischen von größeren Ketten geführt. Einzelunternehmer konnten sich gegen die geballte Kapitalmacht nur selten durchsetzen, gaben auf oder wurden übernommen. Einige Ketten hatten schon die Fläche eines kleineren Supermarktes mit unzähligen Regalen. Ein Labyrinth an bunten Hüllen. Beim genauen Hinsehen fiel auf, dass viele Filme in dutzendfacher Ausführung im Regal standen.

Völlig neu war auch das erweiterte Angebot. Neben Filmen gab es nun auch Videospiele zum Ausleihen.  Einige Videotheken mutierten zum Kiosk. Neben Popcorn und Kaugummi wurden dort auch Spirituosen verkauft. Das zog natürlich auch gleich die passende Klientel an – permanent am Tresen herumlungerndes Völkchen, das irgendwann mit zum Inventar der Videothek gehörte.

Der Anfang vom Ende

Das erste Anzeichen für eine Veränderung im neuen Jahrtausend war der Durchbruch der DVD. Die gute VHS-Kassette war plötzlich out. Zu umständlich, zu klobig und ständig diese Streifen im Bild, wenn die Kassette mehrmals durchgenudelt wurde. So eine DVD war da schon handlicher, das Bild besser und obendrein auch noch digital – eines der Schlagwörter des frühen Jahrtausends. Doch bis dahin war die Welt für die Vidoetheken-Betreiber noch in Ordnung.

Nachdem die Regale mit frischen DVD’s bestückt waren, schien wieder alles beim Alten zu sein. Es war Ruhe eingekehrt, aber längst hatte der Durchschnittsdeutsche den bösen „Download-Button“ entdeckt. Geiz war geil, und warum für ein paar Euro eine DVD ausleihen, wenn es auch anders geht? Zwar stark komprimiert in bescheidener Bildqualität, dafür aber umsonst. Und der Blockbuster passte sogar auf einen einzelnen CD-Rohling.

Streaming – Der Todesstoß

2006 betrat ein völlig  neues Format die Bühne. Filme in High Definition, dank der Blu-ray Disc. Und auch die Deutschen waren wieder auf den Geschmack von Qualität gekommen. So ein scharfes Bild hatte schon was, und einen HD-ready-TV besaßen bereits viele, einige sogar eine Full-HD.

Nachteil dabei: Auch die ersten (illegalen) Streaming-Portale erblickten das Licht der Welt. Berühmtes Beispiel war z.B. kino.to. Laut Wikipedia hatte der Dienst zwischen 2008 und 2011 zirka acht Milliarden Klicks, davon 96 Prozent aus dem deutschsprachigen Raum. Nachdem die ersten illegalen Streaming-Portale aufgeflogen waren, gab es kurzzeitig einen leichten Aufwind für Videotheken, der aber nicht von langer Dauer war.

Situation heute

Das Sterben der Vidoetheken geht weiter. Heute gibt es noch 600 in Deutschland: Tendenz stark fallend.

Quelle: Statista

Und der Umsatzrückgang im deutschen Videomarkt setzt sich fort: Für das erste Halbjahr 2017 bilanzierte der Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV) einen Video-Gesamtmarktumsatz (Verkauf und Verleih) von 593 Mio. Euro, was einem Umsatz-Minus von 9% entspricht. Die Marktdaten machen deutlich, dass vor allem das schrumpfende physische Geschäft im Kaufmarkt nicht in gleicher Weise durch ein Wachstum bei den digitalen Formaten kompensiert wird. Dennoch wird der Großteil des Kaufmarktumsatzes weiterhin mit DVD’s und Blu-rays erwirtschaftet.

Streamingdienste weiter auf dem Vormarsch

Streamingdienste wie Netflix und Amazon gewinnen in Deutschland immer mehr Zuschauer. Doch nicht nur die verbliebenen Videoverleiher kämpfen ums Überleben. Die neueste Digitalisierungsbericht Video der Landesmedienanstalten (DLM) weist einen Verlust des klassichen Fernsehens aus. Danach widmen sich fast zwei Drittel (64,9 Prozent) der Deutschen ihre Fernsehzeit dem klassischen, sogenannten linearen TV. Video on Demand-Angebote (VoD) der US-Plattformen, zu denen auch das Portal YouTube und die Mediatheken von ARD, ZDF und der Privaten gehören, haben einen Anteil von knapp 30 Prozent. Doch wie lange noch?

Meine Prognose: Die Generationen Y und Z – auch bekannt als Millennials – werden für eine Verschiebung der Anteile sorgen, weil die Digitalierung bereits heute fester Bestandteil ihres Alltags ist.

Requiem

Ruhet denn in Frieden, ihr Videotheken. Ihr seid Opfer der nicht aufzuhaltenden Disruption. Es war eine schöne Zeit und ihr gehörtet einfach zum Stadtbild. Das, was bleibt, sind Erinnerungen an Geräusche und Gerüche, die es bald nicht mehr geben wird.

Eigentlich schade, aber das ist der Lauf der Dinge. Alles hat seine Zeit, und diese ist irgendwann abgelaufen – wie eine alte VHS-Kassette.

Ergänzung

Musikkanal vor dem Sendeschluss. Viva feiert Geburtstag – und Begräbnis >>> https://bit.ly/2ALl5Xd

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