DER EINZELHANDEL IST TOT – ES LEBE DER EINZELHANDEL

Obwohl die bevorstehende Schließung der Kaserne absehbar war, hofften die Menschen der kleinen Gemeinde, das Schlimmste sei noch abzuwenden.

Aber das Schlimmste trat ein.

Glockengeläut und ein brennender Sarg

Die kurze Geschichte beginnt im Jahr 2010 mit der Bundeswehrreform, die nahezu alle Bereiche umfasste und auch die Reduzierung der Streitkräfte auf ca. 185.000 Soldaten und 55.000 zivile Beschäftigte einschloss.

Die Reform traf auch die kleine Stadt im Kreis Plön an der Ostsee hart. Damals verlor man quasi über Nacht die Kaufkraft von 1.000 Soldaten und ihren Familien. Die meisten Geschäftstreibenden sahen ihre Existenz gefährdet und es herrschte Katastrophenstimmung. Am 2. November 2011 fand unter Beteiligung der Stadtverantwortlichen und vieler Wirtschaftsvertreter ein von Glockengeläut begleiteter Protestzug statt, bei dem symbolisch auch ein Sarg verbrannt wurde.

Der Bürgermeister und ein Stadtreferent wetterten gegen eine „politische und militärische Fehlentscheidung“ aus Hinterzimmern. Sie wollten erreichen, dass der damalige Bundesverteidigungsminister Lothar de Maizière zu ihnen in den Norden kommt. Der Minister müsse „die Hosen runterlassen“, ließ man verlauten. Doch der ließ sich – wie nicht anders zu erwarten – entschuldigen. 

Garnisonsstadt mit Herz

Schon vor der Entscheidung aus Berlin weigerte sich der Bürgermeister, öffentlich über einen Plan B zu sprechen. Bereits im Oktober 2010 hatte man ein Aktionsbündnis geschmiedet, 10.000 Unterschriften gesammelt und mit Hochglanzbroschüren für den Erhalt des Standortes in der „Garnisonsstadt mit Herz“ geworben. Vergebens!

Der Bürgermeister hoffte noch auf Hilfe der Landesregierung in allerletzter Minute. Von der aber fühlten sich andere längst im Stich gelassen. „Ich hätte mir von der Landesregierung deutlich mehr Engagement gewünscht für die Region. Das war aber nicht erkennbar“, kritisierte etwa der Inhaber eines Hotels.

Bereits damals entwickelte ein Mann eigene Pläne. Er betrieb ein Geschäft für Mode- und Sportartikel im Stadtzentrum und auch er erkannte schnell, dass keine Hilfe zu erwarten war. Die Umsätze brachen ein und die Existenz seines Geschäfts war massiv bedroht.

Auch sechs Jahre nach der Schließung der Kaserne bietet sich in der kleinen Stadt ein trauriges Bild:

Eine Erfolgsgeschichte

Ich traf Michael S. vor Kurzem in einem Café. Bei einem Kaffee erzählte er mir, wie er sich damals dem Untergang entzog und wie es ihm seitdem ergangen ist.

„Es ist wahr“, sagt er mit einem Lächeln. „Damals sah es nicht gut aus für uns. Doch in jeder Krise steckt auch eine Chance. Die muss man nur erkennen und sein Ziel konsequent verfolgen. Und das mit Leidenschaft.“

Er entwickelte die Idee, sein stationäres Geschäft um einen Online-Shop zu erweitern.

„Als ich damals mit anderen Einzelhändlern sprach, hörte ich nur Argumente, warum ich die Finger davonlassen sollte“, so Michael S. „Erstaunlicherweise meistens von Einzelhändlern, die selbst noch nie einen eigenen erfolgreichen Online-Shop betrieben haben. Das waren Aussagen wie ‚viel zu teuer‘, ‚keine Zeit dafür‘, ‚das bringt nichts‘, ‚Online-Shops zerstören die Innenstädte‘, usw. usw. Doch ich stellte mir die Frage, was ich zu verlieren habe? Also holte ich mir professionelle Hilfe bei einer erfahrenen Agentur. Wir entwickelten gemeinsam ein Konzept, das wir zielgerichtet und konsequent umsetzten. Und heute kann ich sagen: Es war genau die richtige Entscheidung!“ 

Widrige Umstände

Nach dem Aus der Kaserne 2012 folgte ein Jahr später eine weitere politische Entscheidung, die sich negativ auf den gesamten Einzelhandel in der Region auswirkte. Seit dem 17. Dezember 2013 gilt nämlich eine aktualisierte Bäderverordnung für Schleswig-Holstein. Die Läden im Land dürfen nur noch vom 17. Dezember bis zum 8. Januar sowie vom 15. März bis zum 31. Oktober ihre Waren auch sonntags anbieten. Bis dahin war die Sonntagsöffnung durchgehend von Mitte Dezember bis Ende Oktober möglich.

„Ohne die verkaufsoffenen Sonntage könnten wir uns in den kleinen Orten gegenüber den Einkaufszentren in Großstädten mit ihren langen Öffnungszeiten nicht mehr behaupten“, ärgerte sich der damalige Geschäftsführer eines Modehauses. Im vergangenen Jahr habe er an 14 offenen Sonntagen mit seinen 18 Mitarbeiterinnen rund zehn Prozent seines Jahresumsatzes erwirtschaftet.

„Etwa 35 Prozent unserer Kunden sind Urlaubsgäste von der Ostseeküste und aus anderen Orten in der Region, das können wir anhand der EC-Kartenabrechnung feststellen. Außerdem haben wir sonntags ohnehin nur sechs Stunden geöffnet.“

Auch Michael S. hielt die verkaufsoffenen Sonntage für unverzichtbar. Immer mehr Touristen und Einheimische nutzten sie, um mit der ganzen Familie Einkäufe zu tätigen, für die in der Woche keine Zeit sei. Und von einer Einteilung der Orte entsprechend ihrem Touristenaufkommen hielt S. schon gar nichts: „Hier muss mit gleichem Maß gemessen werden, alles andere ist ungerecht. Ich verstehe auch die Regelungswut in Sachen Sortiment nicht. Wenn ein Autohändler am Sonntag öffnen möchte, dann sollte es doch seine Entscheidung sein.“ 

Fazit

Anfang 2016 übernahm S. das oben erwähnte Modegeschäft mit 18 Mitarbeitern, und das obwohl das Haus in den letzten Jahren vor der Übergabe mit rückläufigen Umsätzen zu kämpfen hatte.

„Wir haben uns trotzdem dafür entschieden. Mittlerweile haben wir auch für dieses Haus einen Online-Shop aufgebaut.“, sagt S.

Bereits kurz nach der Übernahme musste man zusätzliche räumliche Kapazitäten für Lager und Versand schaffen und mietete eine Lagerhalle am Rand der Stadt. Dort arbeiten heute acht Mitarbeiter, die sich um die beiden Online-Shops und die Logistik kümmern. 80 Prozent des Gesamtumsatzes werden mit den Shops erzielt – Tendenz steigend.

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass man trotz widriger Umstände sehr erfolgreich sein kann. Hut ab, Herr S. Sie haben alles richtig gemacht!

Wenn Sie Fragen zu dem Thema haben, kommen Sie bitte einfach auf mich zu.

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