QUO VADIS, HOMO DIGITALIS?

„Der Homo Digitalis ist eine aus dem Homo Sapiens entstandene Menschenart, die sich auf das Leben am Computer spezialisiert hat. Er ist i.d.R. recht blass und sein Sozialverhalten kann er mit zehn Fingern steuern.“ Das ist der Definitionsversuch der Humor- und Satire-Enzyklopädie „Stupidedia“.

Über die Lebensweise des Homo Digitalis weiß die Seite zu berichten, dass er größtenteils vor dem Computer lebt und ein Leben außerhalb desselben meist sehr schwer fällt. Viele Homines Digitales ernähren sich von Fast Food oder lassen sich im Hotel Mama versorgen, heißt es dort weiter. Einkäufe erledigen sie weitgehend über das Internet, da das Reallife eine fremde Umgebung für sie darstellt. Als Währung kennen viele Individuen nur den Bitcoin. Treffen mit Freunden finden auch nur in Chats oder auf Onlineplattformen statt.

Zugegeben, das ist eine übertriebene Darstellung, doch Satire beinhaltet immer auch ein Stück Wahrheit. Und so stelle ich mir die Frage, ob die neue Menschart uns als Homo sapiens ablöst, so wie einst der Neandertaler von uns verdrängt wurde. Hat der Homo digitalis bereits die Oberhand gewonnen?

Um die Frage zu beantworten, erlauben Sie mir einen kurzen Abstecher in die Vergangenheit. Es bestehen nämlich erstaunliche Parallelen zwischen uns und den Neandertalern. Die landläufige Vorstellung vom Neandertaler ist noch immer vom Klischee des Fleisch-verschlingenden, tumben „Vormenschen“ geprägt. Wer Neandertaler hört, hat meist einen muskulös-gedrungenen, intellektuell minderbemittelten Mammutjäger vor Augen, der in Höhlen hauste. Doch das ist eine in den letzten Jahrzehnten bereits vielfach widerlegte Vorstellung.

Heute weiß man, dass der Neandertaler und der moderne Mensch einst gemeinsame Nachkommen gezeugt haben. Diese Erkenntnis beruht auf einem Knochen, der 2002 in der Oase-Höhle im Südwesten Rumäniens gefunden wurde und 37.000 bis 42.000 Jahr alt ist. Dieser Knochenfund ist deshalb so wichtig, ist er doch der unumstößliche Beweis dafür, dass es in einem Zeitfenster vor 47.000 bis 65.000 Jahren zu mehreren Kreuzungen zwischen Neandertaler und Homo sapiens kam. Und diese Vermischung hat bis heute Spuren hinterlassen. Demnach tragen Menschen mit Wurzeln außerhalb Afrikas noch immer zwischen einem bis drei Prozent Neandertaler-DNA in sich. Warum der Neandertaler nur einige Tausend Jahre nach dem Eintreffen des Homo sapiens ausstarb, ist umstritten. Viele Forscher gehen davon aus, dass er in Afrika besondere Fähigkeiten erworben hatte und seinen Vettern aus Europa überlegen war. Er soll unter anderem eine ausgefeiltere Sprache und bessere Waffenentwickelt haben.

Auffällige Parallelen

Genauso wie sich mit dem Neandertaler und dem Homo sapiens zwei Menschenarten über lange Zeit ihren Lebensraum teilten, leben heute Homo sapiens und Homo digitalis nebeneinander. Und das, was für Menschen gilt, entwickelt sich in den Unternehmen logischerweise nicht anders. Und dabei wird deutlich, wie weit sich die Lebenswirklichkeit der Generation Internet von ihrem analogen Gegenstück entfernt hat, aber auch, dass manche Entwicklung im Internet gar nicht so neu ist.

(Lesen Sie hierzu auch meinen Post „Sind wir nicht alle ein bisschen digital?“)

Was hat das mit uns und der Digitalisierungzu tun?

In der Praxis sieht es oft so aus, dass viele Unternehmen zunächst ein externes Team junger Entwickler damit beauftragen, in hippen Labs oder Hubs ihre Strukturen zu modernisieren. Als Standort wählt man möglichst Berlin, weil man sich von den bärtigen Spezialisten in der Hauptstadt die größte „credibility“ erhofft. Die Unternehmen sind stolz auf ihre erkaufte Innovationsfähigkeit und schieben gleich einen Venture Fond mit hohen Eurobeträgen hinterher. Und im heimischen Unternehmen? Dort wird die Zukunftsarbeit beobachtet, ohne ein Teil davon zu sein. Schließlich ist man kein Homo digitalis bzw. „Digital native“. Die Superstars der Szene werden es schon richten, mit den entsprechenden Honoraren versteht sich. In der Unternehmenszentrale jagt dagegen ein Sparprogramm das nächste.

Das Ergebnis eines solchen Prozesses: Es entsteht eine Front zwischen der „alten (analogen) Welt“ und der „neuen (digitalen) Welt“. In der „alten Welt“ lassen sich über Jahrzehnte gewachsene Strukturen kaum davon beeindrucken, was die „neue Welt“ da in Berlin so veranstaltet. Beide Welten verstehen sich nicht. Und beide finden nicht zueinander. Am Ende manifestiert sich das Ganze zu einem großen Missverständnis. Die Hoffnung, mit den Start-Ups innovativer und kreativer zu werden, ist geplatzt.

Unser Ansatz ist anders und hat sich bewährt!

Seit vielen Jahren sprechen wir mit unterschiedlichen Mitarbeitern auf allen Ebenen in den Unternehmen über ihre Anstrengungen, Antworten auf die brennenden Fragen zu finden. Im ersten Schritt müssen wir dabei Aufklärungsarbeit leisten. Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass die „Digitalisierung“ kein modischer Trend ist, sondern eine feste Realität in unserer Lebenswelt, der sich jeder Mensch, jedes Unternehmen stellen muss. Und dazu reichen aktionistische Maßnahmen, die nur die Oberfläche ankratzen, ohne nachhaltig zu wirken, wie z. B. Werte-Konzepte, Re-Brandings, Social Media Kampagnen oder ein neues, fancy wirkendes Türschild, bei weitem nicht aus. Der benötigte Wandel geht tiefer,umfasst alle Bereiche und verlangt ein neues Denken. Dieser Wandel bedarf eines Dreiklangs aus Raum (Orte, an denen Neues entstehen kann), Menschen (die gewillt sind, Neues zu schaffen und denen das Vertrauen dafür entgegengebracht wird) sowie Methoden (um die Fähigkeiten zu erlernen und täglich anzuwenden, wie Neues entstehen kann).

Fehlt nur eine dieser drei Zutaten, schmeckt die Suppe nicht. Das ist so! Die wichtigste Voraussetzung aber ist die Überzeugung der verantwortlichen Vorstände, den Weg der digitalen Transformation zusammen mit den eigenen Mitarbeitern zu gehen. In jedem Unternehmen gibt es unter den vielen Mitarbeitern auch die, die bereit sind, an der digitalen Zukunft ihres Unternehmens zu arbeiten. Wandel lässt sich nicht diktieren, sondern muss von allen verstanden, mitgetragen und umgesetzt werden. Nur gemeinsam lässt sich die Reise in die digitale Zukunft bewältigen. Also machen wir uns in vertrauensvoller Zusammenarbeit eng mit den zuständigen Verantwortlichen in Vorstands- und Führungsetagen auf die gemeinsame Reise und bringen die analogen mit den digitalen Mitarbeitern zusammen. Learning by doing! Wir erleben auf dieser Reise viele Abenteuer, machen hier oder dort auf einer Insel halt, umschiffen einige Klippen, trotzendem einen oder anderen Sturm und halten die Mannschaft auf Kurs. Alles, was es dazu braucht, ist ein neues Verständnis, dass Probleme sich nicht auf Knopfdruck lösen lassen. Denn der entscheidende KPI der Zukunft ist nicht die repetitive Problemlösung wiederkehrender Herausforderungen, sondern die Anpassungsfähigkeit und die kreative Kompetenz, sich als Organisation schnell und stetig neu zu orientieren und zu erfinden. Survival oft he fittest!

Und nachdem die Mannschaft dann auf Kurs ist und gelernt hat, die nächsten Herausforderungen eigenständig zu umschiffen, ziehen wir uns als „Reisebegleiter und Navigatoren“ wieder zurück. Es ist etwas Neues entstanden. Zuversicht, kreative Energie, Ideenreichtum und die Fähigkeit, diedigitale Zukunft selbst im Unternehmen zu gestalten. Es geht eben auch ohne Missverständnisse.

Fazit

Genauso, wie es keine reine digitale Welt geben wird, werden wir uns nicht zum Homo digitalis entwickeln. Auch wird uns dieser nicht verdrängen. Vielmehr wird ein Entwicklungsprozess stattfinden, der die analoge mit der digitalen Welt vereint. Und wir sollten nicht vergessen, dass vor 100.000 Jahren sechs verschiedene Menschenarten auf unserem Planeten lebten. Überdauert hat nur der Homo sapiens …Also, es gibt viel zu tun. Lassen Sie uns die Welt ein bisschen digitaler machen!

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