FRÜHBUCHER ODER DRAUFZAHLER?

Draußen ist es kalt. Schnee und Glätte haben weite Deutschlands fest im Griff. Kaum hat der Winter begonnen, vernehme ich im Freundes- und Bekanntenkreis die ersten Stimmen: „Mensch, habe ich die Nase voll von diesem Sch…wetter. Am liebsten wäre ich jetzt auf den Kanaren oder an einem anderen Ort im Süden. Hauptsache warm und Sonne …“ Eigentlich noch ein bisschen zu früh, um daran zu denken. Bis zum Urlaub ist es noch ein halbes Jahr. Da wärme ich mich lieber mit einem heißen Kaffee auf, mach mir sonnige Gedanken und lasse meinen Gedanken freien Lauf …

„Schau mal. Ich habe eben im Internet gesehen, dass die meisten Anbieter von Ferienreisen Frühbucherrabatte anbieten.“ Meine Frau hält mir ihr iPad unter die Nase und es ist mit der Ruhe vorbei. „Ich habe hier etwas Tolles gefunden. Wir wollen doch sowieso gleich nach Hamburg ins AEZ. Auf dem Weg dorthin können wir doch mal im Reisebüro vorbeischauen. Was meinst du?“

„Was? Reisebüro? Wir haben doch im letzten Jahr über Check24 eine tolle Reise gefunden. Warum sollen wir jetzt im Reisebüro buchen?“

„Na, weil die hier in dem Reisebüro auch tolle Angebote haben. Außerdem beraten die einen sicher ganz gut. Du immer mit deinem Internet!“, spricht die Fee und drückt mir das iPad unsanft in die Hand.

Eine gute Stunde später stehen wir im Reisebüro. Direkt neben dem Eingang hat man eine Schaufensterpuppe platziert. Wie ich später erfahre hat die Puppe sogar einen Namen und trägt im Gesicht ein „Trumm“.

Unförmig, überdimensioniert, eine Art Taucherrequisit, das an längst vergangene Zeiten erinnert. Olli, so der Name der Puppe, ist das Maskottchen eines großen Reiseveranstalters und das klobige Etwas in seinem Gesicht zeigt, wie sich Europas zweitgrößter Touristikanbieter die Zukunft vorstellt.

„Das ist eine VR-Brille, und sie ist die Weiterentwicklung des traditionellen Reisekatalogs. Mit ihrer Hilfe können Sie in virtuelle Ferienwelten eintauchen, ohne einen Fuß ins Auto, ins Flugzeug oder in die Bahn zu setzen“, erklärt mir wenig später stolz eine freundliche Mitarbeiterin des Reisebüros.

VR-Brille

Anmerkung: VR steht für„Virtual Reality“, ist ein Trendthema und eine teure Technik. Für VR gibt es derzeit zwei große Anwendungsfelder. Einerseits die Schaffung eines besonderen Erlebnisses für den Kunden. Er kann sich damit an fremde Orte begeben oder Veranstaltungen besuchen, ohne real je dort gewesen zu sein. So hat Tommy Hilfiger seinen Kunden in New York mit VR-Brillen den Besuch einer Modenschau ermöglicht. Der Kunde hat damit das Gefühl in der ersten Reihe zu sitzen und damit „live vor Ort“ zu sein. Noch interessanter ist der Einsatz von VR in den Segmenten Möbel und Wohnen, denn hier müssen die Kunden nicht selten viel Geld investieren, können die Ware aber nicht einfach ausprobieren. Und nicht jeder ist mit genügend Fantasie ausgestattet, um sich das neue Design einer Couch auch direkt vorstellen zu können.

Media Saturn hat gemeinsam mit dem Anbieter Kiveda in Sachen Küchenplanung mit VR-Technologie experimentiert. Der Kunde bewegt sich mit der Datenbrille durch die geplante Küche. Das Projekt hat für durchaus großes mediales Echo gesorgt. In der Praxis beschränkt sich das Experiment allerdings derzeit noch auf den Austausch einzelner Komponenten. Vom Ausmessen des eigenen Raumes und dem Durchschreiten am Computer ist man doch noch ein Stück entfernt.

Virtual Reality Küchenplanung bei Saturn

In unserem Fall werden Filme im 360-Grad-Modus abgespielt. Sie zeigen Rundgänge etwa durch Hotels auf Rhodos und Zypern oder einen New-York-Ausflug, inklusive Helikopter-Rundflug über Manhattan. Alles aus dem realen Angebot des Reiseanbieters, versteht sich.

Die freundliche Mitarbeiterin lächelt und sagt: „Das ist alles PR und soll Sie als Kunden natürlich nicht vom wirklichen Reisen abhalten. Im Gegenteil: Es geht darum, vor allem jüngere Leute zu animieren, im Internet nicht einfach das billigsteAngebot zu suchen.“

„Es freut mich sehr, dass Sie dabei vor allem an jüngere Kunden denken.“, antworte ich mit einem Lächeln. „Das heißt, für Leute in unserem Alter empfehlen Sie eher den Katalog?“

Meine Frau straft mich mit einem strengen Blick und einem Stups in die Seite, während wir uns zu einem der Schreibtische bewegen und flüstert mir zu: „Sei doch nicht immer so unfreundlich!“

Wir haben übrigens keine Reise gebucht, weil sich herausstellte, dass uns das Reisebüro keinen Vorteil anbieten konnte. Im Nachhinein habe ich mir dann die Frage gestellt,mit welchen Veränderungen die Touristikbranche zu kämpfen hat. Bei meinen Recherchen stellte sich heraus, dass der virtuelle Urlaubssimulator nur ein Teil einer Abwehrschlacht ist, die seit Jahren weitgehend unbemerkt in der Tourismusindustrie tobt und die im bevorstehenden Feriensommer 2017 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen dürfte: der Kampf von Großveranstaltern wie TUI oder Thomas Cook um die Gunst der Urlauber im Zeitalter der Digitalisierung und der Regentschaft des Smartphones. Seit Jahrzehnten gelten im Geschäft mit den schönsten Wochen des Jahres zwei Grundsätze, die von den Erfindern der Pauschalreise bislang kaum hinterfragt wurden.

„Reisen tun die Leute immer“, heißt der erste von ihnen. Der zweite besagt, dass Urlaubstrips im Vergleich zu anderen Gütern und Dienstleistungen tendenziell immer billiger werden. Ausnahmen bestätigen die Regel: Kreuzfahrten!

Genau das aber könnte den einstigen Platzhirschen der Branche zum Verhängnis werden. Seit Reiseportale wie Expedia, Trivago oder Booking.com auf den Plan getreten sind, droht Konzernen wie TUI oder Thomas Cook die Marginalisierung. Längst beherrschen die Newcomer das Geschäft mit Betten und Flugsitzen genauso gut wie die traditionellen Anbieter – nur, dass sie oft günstiger und schneller sind. Denn anders als die klassischen Urlaubsanbieter betreiben die neuen Konkurrenten keine eigenen Hotels, besitzen keine Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe oder Reisebüros, sondern verdienen nur an der Vermittlung von Leistungen anderer. Sie können Preise quasi in Echtzeit steuern und optimieren ständig ihre Formeln, um Erlöse zu generieren. Gezielt sammeln sie Daten über die Vorlieben ihrer Kunden und schaffen es inzwischen sogar, Smartphone-Nutzern maßgeschneiderte Angebote zum optimalen Zeitpunkt zu offerieren. Damit experimentieren zwar auch altehrwürdige Reiseanbieter wie TUI, sie sind aber noch längst nicht in der Lage, mit den jungen Wettbewerbern Schritt zu halten. Was sich bereits im Aktienwert der Unternehmen widerspiegelt: Priceline, Mutterfirma des Internethändlers Booking.com etwa, wird an der Börse inzwischen mit 54 Milliarden Euro bewertet. Europas größter Touristikkonzern TUI bringt es dagegen gerade mal auf gut 9 Milliarden Euro. Und das, obwohl das Unternehmen mehrere Fluglinien, über ein Dutzend Kreuzfahrtschiffe und Hunderte eigene Hotels besitzt und betreibt.

Fazit

Die großen Reiseveranstalter haben die Internetanbieter unterschätzt. Jetzt versuchen sie, die Wettbewerber im Netz einzuholen – um die klassische Pauschalreise zuretten.

Und wie sieht es in Ihrer Branche aus? Sind Sie Frühbucher oder werden Sie zum Draufzahler?

Ob Luftfahrtgesellschaften, Banken oder Handelskonzerne: Die digitale Transformation stellt unsere tradierten Vorstellungen von Wirtschaft mehr und mehr auf den Kopf – vergleichbar mit den ökonomischen, sozialen und politischen Umwälzungen der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Längst geht es nicht mehr darum, mit Kollegen oder Kunden über soziale Netzwerke auf Augenhöhe und in Echtzeit zu kommunizieren. Auch sind es nicht nur traditionelle Buchhändler, Plattenläden, Supermärkte oder Textilketten, deren Existenz durch den Siegeszug des Online-Marktplatzes Amazon gefährdet ist. Die digitale Revolution hat alle Branchen ergriffen und ist dabei, in Windeseile alle Glieder der Wertschöpfungskette von Unternehmen zu verändern – vom Vertrieb übers Marketing bis zur Produktion und Personalauswahl, vom Konzern über den Mittelständler bis zum Handwerker vor Ort.

Der Umsatz mit Produkten, die verknüpft sind mit der Erfassung, Speicherung und Auswertung großer Mengen digitaler Daten, lag laut IT-Branchenverband Bitkom im letztenJahr bei 73,5 Milliarden Euro – ein Plus von 66 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2017 sollen Geschäfte mit Big-Data-Produkten mehr als 160 Milliarden Euro erlösen!

„Es gibt mittlerweile kein IT-Projekt mehr, in dem wir mit dem Kunden nicht über die Cloud sprechen“, sagt Reinhard Clemens, CEO von T-Systems.

Gleichzeitig ist durch die digitale Revolution laut einer Untersuchung der Universität Oxford in den USA fast jeder zweite Arbeitsplatz bedroht.

„Die digitale Transformation ist wie ein reißender Strom“, sagt Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Strategy&. „Wer mitschwimmt, kann weit kommen, wer sich sträubt oder in die Gegenrichtung möchte, läuft Gefahr, unterzugehen.“

Treffen kann es jeden: Selbst für Handelsriesen wie den 1949 gegründeten und als Katalogversender groß gewordenen Otto-Konzern, der heute die Hälfte seiner zwölf Milliarden Euro Umsatz über seine mehr als 100 Online-Shops erwirtschaftet, ist nicht ausgemacht, ob er gegen junge Konkurrenten wie Zalando oder Amazon bestehen kann.

Wo die Vernetzung die Welt erobert

Auf das Aufweichen scheinbar in Stein gemeißelter Branchengrenzen und Regeln reagieren die Branchendinosaurier zunehmend mit Aktionen, die vor allem ihre Hilflosigkeit deutlich machen: Im Sommer 2015 etwa verhüllten Einzelhändler aus Tönnisvorst am Niederrhein aus Protest gegen die wachsende Online-Konkurrenz einfach ihre Schaufenster mit schwarzer Folie.

Oder sie berufen sich auf den Schutz durch althergebrachte Gesetze, die der digitalen Transformation kaum mehr gerecht werden – wie jüngst die Taxilobby im Kampf gegen Start-ups wie den Limousinenservice „Uber“ oder etablierte Hotelketten, die sich gegen neue Konkurrenten wie Online-Wohnraumvermittler „Airbnb“ wehren.

Dass es auch anders geht, zeigt Schrauben- und Werkzeughändler Adolf Würth – der 82-Jährige, der aus der Hinterhofwerkstatt seines Vaters einen Milliardenkonzern geformt hat, gilt nicht nur selbst als ständiger Nutzer elektronischer Medien. Er hat vor Kurzem seine 30.000 Vertriebler mit Tablets ausgestattet. Auf diesen können sie ihren Kunden vor Ort die stets aktuellste Variante der Produktpalette vorführen und bei Bedarf direkt im Netz bestellen.

E-Business bei Würth

„Das Besondere an der Transformationsphase, die wir gerade durchleben, ist nicht der technologische Wandel vom analogen ins digitale Zeitalter, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge verändern“, sagt Karl-Heinz Land, Gründer der auf digitale Transformation spezialisierten Unternehmensberatung Neuland.

Habe es im 19. und 20. Jahrhundert noch Jahrzehnte gedauert, bis sich grundlegende Transformationen sichtbar durchgesetzt hätten, vollzögen sich diese heute innerhalb weniger Jahre. „Unternehmen, die jetzt den Anschluss verpassen, werden den Rückstand nicht mehr aufholen und riskieren den Untergang.“

Wenn Sie nicht auch zum Draufzahler werden wollen, sollten Sie handeln. Jetzt!

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