DRAUSSEN NUR KÄNNCHEN!

Nach einer Wanderung am Königssee wollten wir auf der Terrasse eines Cafés noch die herrliche Rundumsicht auf das Gebirgspanorama der Berchtesgadener Alpen bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen genießen. Nicht nur der herrliche Blick auf das Haus, in dem die berühmte Schauspielerin Romy Schneider ihr Kindheit verbracht hat, luden uns ein, sondern auch ein Blick in die Karte. Dort war zu lesen, dass hier der Kuchen ohne Backpulver und andere Chemikalien traditionell gebacken und als Fett ausschließlich feinste Butter verwendet wird und dass sich die Konditorei weit über die Berchtesgadener Grenzen hinweg einen Namen gemacht hat.

Nachdem meine Frau und ich an einem der kleinen Tische Platz genommen hatten, glaubte ich schon den aromatischen Duft des frisch gebrühten Kaffees in der Nase zu spüren, doch nachdem ich bei der Dirndlbedienung zwei Stücke Kuchen und zwei Tassen Kaffee bestellt hatte, folgte umgehend die Ernüchterung.

„Draußen nur Kännchen!“, war die Antwort.

Draußen nur Kännchen!

Derart verblos angebellt, wagte ich, bei der Serviererin noch einmal um zwei einzelne Tassen Kaffee oder alternativ ein Kännchen mit zwei Tassen zu bitten. Erneut musste ich mich belehren und degradieren lassen und verspürte immer weniger Bereitschaft, mich dem „Kännchenterror“ zu beugen, den ich noch vage aus meiner Jugend kenne und bis dato bestenfalls als Relikt längst vergangener Tage abgetan hätte. Nach einigem Hin und Her bestellte ich dann einen Cappuccino und einen Espresso, die werden nämlich auch in diesem Café nicht in Kännchen serviert.

Damit ist dann auch die gern verwendete Argumentation widerlegt, die versucht, betriebswirtschaftliche Gründe anzuführen und die sagt, dass die Kosten, zu denen ein Getränk serviert wird, unter anderem von der Zeit abhängt, die zum Servieren, zum Abräumen und zum Abkassieren benötigt wird. Ja, für den Wirt stellt sich die Frage nach dem Deckungsbeitrag. Aber wo bleibt der Kundenwunsch bei dieser Betrachtungsweise?

Sie werden sich sicher fragen, was das alles mit den Themen „DigitaleTransformation“ und „IoT“ zu tun hat. Ich werde es Ihnen verraten:

An diesem Beispiel wird deutlich, wie ein Unternehmen versucht, an Althergebrachtem festzuhalten und dabei völlig übersieht, dass sich der Markt (Kunde, Wünsche, Angebot, Wettbewerb usw.) geändert hat.  Übrigens eine Situation, in der sich heute die meisten Unternehmen befinden. Wenn der Wirt (Unternehmer) an seinem Konzept festhalten will, müsste er konsequenterweise auch alle anderen Getränke, die er auf der Terrasse serviert, in doppelter Menge und zum doppelten Preis anbieten oder sich nur auf den Kaffee konzentrieren. Beides wird auf lange Sicht nicht funktionieren! Das Konsumverhalten der Gäste (Verbraucher) hat sich drastisch geändert. Während es früher „nur“ Kaffee gab, kann man heute i.d.R. zwischen Milchkaffee, Cappuccino, Espresso, Latte Macchiato in verschiedenen Geschmacksrichtunge nund anderen Varianten wählen. Die Wettbewerber des Café-Betreibers haben bereits auf die veränderte Marktsituation reagiert und bieten zum Teil sogar „Coffee to go“ an.

Nun, zugebenermaßen geht es hier nicht darum, die „Digitale Transformation“ einzuleiten. Vielmehr steht es beispielhaft als Platzhalter dafür, als Unternehmer an Traditionen festzuhalten und bloß nichts Neues zu wagen. (Lesen Sie hierzu auch meinen Post 5: Et hätt noch immer jot jejange!)

Dabei ist es sicher nicht verkehrt, sich als Unternehmer seiner Tradition bewusst und stolz auf das bisher Erreichte zu sein. Doch reicht das wirklich aus, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein?

Ich möchte aus einem Seminar, an dem ich vor kurzem teilnahm, den folgenden Satz zitieren:

„Was auch immer Sie dahin gebracht hat, wo Sie heute sind, wird nicht ausreichen, um auch dort zu bleiben.“

Aus alt mach neu funktioniert so nicht

Mittlerweile sind die Begriffe „Digitalisierung“ und „Digitale Transformation“ allgegenwärtig. Sie sind genauso Ausgangpunkt für Bedrohungsszenarien wie für Verheißungen von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Für manche Unternehmen, speziell Neugründungen, sind die neuen Technologien die Grundlage ihrer innovativen Geschäftsmodelle. Die Mehrheit der bestehenden Unternehmen wird durch die um sie herum stattfindenden Innovationen jedoch vor gewaltige Herausforderungen gestellt, vor denen es kein Ausweichen gibt.

„Digitale Transformation“ ist für jedes Unternehmen ein Thema, ob es will oder nicht. Damit sie gelingt, ist es zunächst einmal wichtig, zu verstehen, was Digitalisierung bedeutet, welche neuen Fragen sich stellen, wo klassisches Managementdenken zum Problem werden kann und die eigentlichen Herausforderungen warten.

Digitalisierung hat keinen Rollout-Termin

Viele Manager verwechseln Digitalisierung mit der Umstellung auf eine neue Software und schätzen: In fünf Jahren sind wir damit durch. Doch das wird mitnichten der Fall sein. Digitalisierung lässt sich nicht einfach in ein Projekt stopfen, in Milestones unterteilen und dann Stück für Stück abarbeiten. Auf den Punkt gebracht heißt das:

Viele Unternehmen haben selbst den Sinn der SAP-Einführung nicht richtig verstanden. Die ist nämlich auch nicht dazu gedacht, einfach die bestehenden Prozesse und Geschäftsmodelle in eine neuartige Software aus Walldorf zu pressen und danach so weiterzumachen wie bisher. Doch genauso sind viele SAP-Einführungen abgelaufen. Und genau dieser falsche Denkansatz lässt sich aus den Aussagen in Entscheiderumfragen zur Digitalisierung erneut herauslesen. Es wirkt so, als wollten die Unternehmen „die Digitalisierung einführen“ und danach zur Tagesordnung übergehen.

Vielleicht basiert diese Fehlbewertung auf dem Ausdruck „Digitale Transformation“. Alain Veuve kritisiert die Wahl des Begriffs, weil der eine trügerische Endlichkeit unterstellt und sich alles nur um technische Belange dreht: „Transformation impliziert einen Prozess, der einen Anfang und ein Ende hat,“ und „Digital impliziert, dass die Veränderungen nur von Informationstechnologien getrieben sind.“

Beide Begriffsteile sind irreführend. Der Fortschritt ist nicht endlich und wirkt sich immer großflächig aus, nicht nur technisch. Warum sollte das bei der Digitalisierung anders sein?

Das Besondere an der heutigen Entwicklung gegenüber früheren disruptiven Phasen ist das Tempo der Veränderung. Es gibt kaum noch spürbare Pausen. Die Disruption wird zum Dauerzustand. Diese Pille ist schwer zu schlucken – speziell für klassische Erfolgsunternehmen. Sie wollen nach jeder Marktstörung zurück zum Normalzustand, und genau als eine solche Marktstörung stufen viele die Digitalisierung ein.

Akzeptieren, ein Neuling zu sein

Eventuell gründet sich die Bewertung der Digitalisierung als Projekt auch auf der fehlenden Akzeptanz, dass das Zielbild, um in der Managersprache zu bleiben, nicht definiert ist. Manager sind normalerweise daran gewöhnt und darin ausgebildet, ein Ziel zu bestimmen, und ihr Unternehmen dorthin zu steuern. Das ist quasi die klassische Stellenbeschreibung eines Managers.

Bei der Digitalisierung funktioniert das Vorgehen jedoch nicht mehr. Beispiel: digitale Kompetenzen. Vielfach können Unternehmen noch gar nicht abschätzen, was ihre Mitarbeiter in zehn Jahren wissen und an Fähigkeiten mitbringen müssen. Es bringt also nichts, sie nur fachlich weiterzubilden und zu glauben, dass man für die Zukunft gerüstet ist.

Es geht darum, dass alle neugierig und lernfähig bleiben.Das gilt für den einfachen Arbeitnehmer bis rauf in die Chefetagen. Voraussetzung ist eine Bereitschaft, als Neuling immer wieder ganz von vorne anzufangen, ohne Angst davor, sich nicht mehr nur auf das erlangte Know-how verlassen zu können (Beispiel Café: Draußen nur Kännchen!)

Nicht in digitale Panik verfallen

Wie nun mit der anbrechenden Dauer-Disruption umgehen? Ein wichtiger erster Schritt ist, sich der Situation bewusst zu werden und zu akzeptieren, dass Digitalisierung kein bloßes Aufkommen neuer Produktionsmethoden und Marketingkanäle darstellt.

Falsch wäre allerdings, sich vom Tempo der Veränderung blind anstecken zu lassen und panisch zu einem Amazon-Klon werden zu wollen. Es gibt durchaus Unternehmen im Finanzsektor, für die ein komplettes Umstellen auf digitalen Vertrieb absoluter Selbstmord wäre – zum Beispiel in der Vermögensberatung.

Die digitale DNA á la Amazon lässt sich ohnehin nicht in drei bis fünf Jahren aufbauen – schon gar nicht aus einer bestehenden und über Jahrzehnte gewachsenen Organisation heraus. Hierfür braucht es Parallelstrukturen, die, wenn die Zeit reif ist, das Mutterschiff übernehmen. Das wiederum erfordert Mut zum Risiko und auch zum Fehler machen.

Was sich von Unternehmen mit digitaler DNA abschauen lässt, ist die Idee, den aktuellen Normalzustand immer in Frage zu stellen. Diese häufig mit Agilität umschriebene Fähigkeit lässt sich allerdings nicht über Nacht erlernen. Deshalb sind Aussagen, man wäre mittelfristig mit dem digitalen Wandel durch, der deutlich falsche Ansatz.

Das Projekt Digitalisierung hat keinen Rollout-Termin!

Das hat einen entscheidenden Vorteil: Unternehmen sind nie zu spät dran, mit der Veränderung zu beginnen.

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