WENN SIE EINEN SCHEISSPROZESS DIGITALISIEREN …

„Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess!“

Dieses Zitat stammt nicht von mir, sondern von dem CEO der Telefónica Deutschland AG und künftigen CEO der Lufthansa Tochter Eurowings, Thorsten Dirks.

Mit seiner markigen Aussage trifft er den Nagel auf den Kopf, denn nach einer PwC-Studie wollen über 80 Prozent der deutschen Industrieunternehmen bis zum Jahr 2020 ihre Wertschöpfungskette digitalisiert haben. Und dabei geht es den Unternehmen nicht nur um Effizienzsteigerungen, Kosteneinsparungen und qualitative Vorteile wie mehr Flexibilität und der Möglichkeit, auf individuelle Kundenwünsche einzugehen. Was oft übersehen oder zu spät erkannt wird ist die Tatsache, dass der Dreh- und Angelpunkt die Analyse und Nutzung von Daten ist. Durch die Vernetzung der Wertschöpfungsketten und Produkte entstehen riesige Datenmengen, die viele Unternehmen bisher noch nicht strukturiert verwenden.

Die gute Nachricht ist, dass neun von zehn Industrieunternehmen der Ansicht sind, dass die Fähigkeit zur Datenanalyse in fünf Jahren für ihr Geschäftsmodell entscheidend sein wird. Unternehmen fokussieren sich dabei auf den effizienten Austausch von Daten innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette, auf die eindeutige Kennzeichnung ihrer Produkte und auf die Nutzung von Echtzeit-Daten, um die Produktion effizienter zu steuern.

Doch wie, wann und wo soll ich starten, wenn ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass die Qualität meiner Stammdaten im SAP-ERP-Backend schlecht ist?

Shit in, Shit out!

Keine Qualität, keine hochwertige Antwort. Ich habe ein aktuelles Projekt, bei dem ein Maschinen- und Anlagenbauer seit Jahren mit einem sehr zeitaufwendigen und somit kostenintensiven Neuanlageprozess seiner Materialarten herumschlägt. Bisher hatte man sich davor gescheut, die Abläufe zu analysieren und daraus Folgerungen abzuleiten, wie sich der Prozess verschlanken und in weiten Teilen automatisieren lässt. Als der Schmerz zu groß wurde, erhielten wir den Auftrag einen Workshop mit den Verantwortlichen und Proessbeteiligten durchzuführen. Aufgrund der Komplexität der Vorgänge (bis zu 30 unterschiedliche Workflows!) waren drei Tage erforderlich, eine Analyse durchzuführen und daraus ein Konzept zu entwickeln, das von allen Beteiligten als tragfähig angesehen wird. Wir haben den Auftrag für das gesamte Projekt erhalten und werden im neuen Jahr mit der Umsetzung starten. Ziel ist es, die Stammdaten zu konsolidieren und den Neuanlageprozess zu optimieren. Damit wird nicht nur die erforderliche hohe Datenqualität erreicht, sondern auch die Prozessqualität gesteigert, die als Basis für die Digitalisierung und Vernetzung dient. Im Fokus stehen die Steigerung der Kundennähe und der Servicequalität. Der Anfang ist gemacht!

Die Verantwortlichen dieses Unternehmens haben erkannt, dass die Kundenzentrierung in der Digitalstrategie in den Mittelpunkt gerückt ist, da die Player andere geworden sind und künftig sein werden und weil sich die bekannten Vorgehens- und Verhaltensweisen ändern. Es ist geplant in einem Folgeprojekt die Qualität aller relevanten Daten (Konditionen, Kreditoren, Debitoren, Preise usw.) zu optimieren.

Industrie 4.0 gehört zu den relevanten Treibern für Stammdatensoftware

Das Fraunhofer IAO ist in einer Marktstudie der Frage nachgegangen, welche allgemeinen IT-Trends die Hersteller von MDM-Software beider weiteren Entwicklung von Stammdatensoftware für besonders relevant halten. Die fünf wichtigsten IT-Trends für Stammdatensoftware sind demnach:

  • Rich Internet Applications / HTML5
  • Partner Collaboration
  • Data Shar Economy
  • Auswertung unstrukturierter Daten
  • Predictive Intelligence

Bei der Betrachtung der weiteren Trends muss man tapfer sein: Big Data folgt erst auf Rang neun, die viel diskutierte Industrie 4.0 gar erst auf Rang 18. Das ist schon erstaunlich, denn laut PwC wird der Digitalisierungsgrad der Wertschöpfungsketten in Zukunft rapide zunehmen. Allein der Digitalisierungsgrad der horizontalen Wertschöpfungskette, also die Vernetzung zwischen Kunde, Unternehmen und Lieferant, soll von 24 Prozent (2014) auf 86 Prozent in fünf Jahren steigen. Wichtigster Baustein dieser Digitalisierung sind Daten.

Und mit der Qualität derselben steht es keineswegs zum Besten. Das IAO hat bereits 2013 in der Studie ‚Produktionsarbeit der Zukunft‘ zur Industrie 4.0 herausgearbeitet, dass in 51 Prozent der befragten Unternehmen schlechte Qualität der Produktionsdaten in starkem oder sehr starkem Maße kurzfristige Eingriffe in die Produktionssteuerung notwendig macht; weiterer wichtiger Grund hierfür ist die mangelnde Aktualität der Produktionsdaten.

Die produzierenden Unternehmen müssen erkennen: Industrie 4.0 gehört bei den relevanten Treibern für Stammdatensoftware ganz weit nach oben. Mein oben erwähnter Kunde hat das verstanden und dementsprechend reagiert.

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